Wieder einmal eines meiner Lieblingsthemen. Die Welt der Partikeln, eine Welt der Augenzwinkereien und gewagten Theorien.

“Ich habe dort auch ganz gute Freunde gehabt”, sagt eine Autorin über den Ort, wo sie aufgewachsen ist. Hiesse es: “Ich habe dort ganz gute Freunde gehabt”, wäre die Aussage neutraler, das auch, welches eigentlich eine Beziehung zwischen zwei gleichartigen Dingen herstellt, impliziert hier einen Gegensatz: Eigentlich hatte ich keine (guten) Freunde, aber ich hatte auch gute Freunde.

Die Herstellung des Gegensatzes funktioniert über das Herausstreichen dessen, was gleich ist: Es gab zwei Gruppen von Freunden. Die Gruppe “keine (guten) Freunde” und die Gruppe “gute Freunde”. Beide waren eine Art Freunde. Das ist der gemeinsame Nenner, auf den sich auch bezieht.

Allerdings ist die Gruppe “keine (guten) Freunde” gar nicht genannt – das auch lässt uns ergänzen, dass die “guten Freunde” nicht die einzigen sind: es muss noch andere “Freunde” geben. Und dass sie überhaupt impliziert, dass es die auch gegeben hat, muss eine Bedeutung haben: Es ist eine negative Wertung für den ganzen Ort.

Vielleicht gibt es noch andere (oder richtigere) Erklärungen, und sehr wahrscheinlich ist das alles nicht sehr verständlich – jedenfalls finde ich es faszinierend, dass wir wegen eines kleinen auch im Kopf automatisch hinzufügen: “Das ist dann wohl nicht ihr Lieblingsort.”


Die Schweden duzten sich alle, heisst es. Und es stimmt: Alle sprechen sich in Schweden mit du und Vornamen an, Chef und Arbeiter, Nachbarn und nach dem Weg Fragende. Die Ausnahme ist die Königsfamilie.

Doch das schwedische du ist nicht dasselbe wie das deutsche du: Es ist die unmarkierte Form, also der Normalfall. Da klingt nichts Vertrauliches mit. Im Deutschen ist du in vielen Gruppen ja auch die unmarkierte Form; Würde ein Zehnjähriger eine Klassenkameradin mit Sie ansprechen, wäre dies sehr seltsam. Die Höflichkeitsform ist also in diesem Kontext die markierte, das du die unmarkierte Form.

Zum “schwedischen du” kam es aus zwei Gründen:

Das du löste also Konstruktionen ab, die als veraltet wahrgenommen wurden. Am Anfang hatte es noch den Beiklang von “Solidarität unter Gleichen”, bald aber war das du nur noch neutral, so wie man im deutschsprachigen Raum auf der Strasse jemanden selbstverständlich mit Sie anspricht. Braunmüller* drückt es so aus: “Der Bereich des [schwedischen] du reicht also weit in den Bereich des [deutschen] Sie hinein.”

skand_du.gif

Auch in den anderen skandinavischen Ländern bzw. Gesellschaften gab es parallele Entwicklungen. Inwiefern der Impuls vom Schwedischen ausging, kann ich nicht beurteilen, aber ich vermute, dass die Du-Reform durchaus einen Einfluss hatte, da sich die skandinavischen Länder eng verbunden fühlen.

Auf Island sagen alle þú (“du”) und Vorname zueinander, und auch im Finnischen, das bekanntlich nicht zu den skandinavischen Sprachen im engeren Sinne (i.e. nordgermanischen) gehört, das aber kulturell eng mit Skandinavien verbunden ist, ist sinä (“du”) und Vorname die übliche Anrede.

In Dänemark ist es etwas komplizierter (vgl. Grafik):

Norwegen steht zwischen Schweden und Dänemark, wobei das “schwedische”, allgemeine du in der gesprochenen Sprache der Normalfall, ein dem Dänischen ähnliches abgestuftes System aber noch intakt ist. Im Gegensatz zum Dänischen scheint sich das allgemeine du im Norwegischen durchsetzen zu können. Doch da das Norwegische das Übergangsstadium mit zwei Systemen noch nicht abgeschlossen hat, könnte es auch sein, dass das alte System erhalten bleibt oder sogar wieder stärker wird. Braunmüller nochmals: “[D]as alte, noch mehr an den Konventionen des Dänischen sich orientierende System, und das neue, mehr auf formelle [sic!] Gleichstellung wie im Schwedischen bedachte System [scheinen sich] zu überlagern.”

Und damit wären wir wieder bei der Feststellung vom Anfang: Das Duzen hat in Schweden bzw. Skandinavien nicht die Bedeutung, dass man ein einzig Volk von Brüder und Schwestern ist, sondern nur, dass man unkomplizierter ist: Sprachliche Gleichstellung kann zwar mit sozialer Gleichstellung einhergehen, muss aber nicht.

*Viele der Informationen stammen aus “Die skandinavischen Sprachen im Überblick” von Kurt Braunmüller (Tübingen: Francke, 2007). Schwedisch S. 82-84, dänisch S. 137-139, norwegisch S. 190f.

Warum heisst es Juristin, aber Justiz, einmal mit s, einmal mit r?

Ein Fall für eine weitere linguistische Märchenstunde. Es trug sich folgendermassen zu: Am Anfang stand der lateinische Stamm ius- (‘Recht’), Nominativ ius, Genitiv iusis. Der Rhotazismus bewirkte, dass s zwischen Vokalen zu r wurde. Somit gab es nunmehr zwei Stämme: Den Nominativstamm ius und den Obliquusstamm iur-, z.B. Genitiv iuris.

Wie die Ableitung justus (“gerecht”) hat die Justiz ein s, der Jurist dagegen entstammt dem Obliquus-Stamm mit r. Aus demselben Grunde studiert man im Singular Jus (“Recht”) und im Plural Jura (“die Rechte”).

Rhotazismen sind übrigens ein häufiges Phänomen. Ein anderes Beispiel wären die Vergangenheitsformen von englisch be (“sein”), wo sich s und r abwechseln: I was, you were.


Weidlinge am Lindli

Jemandem einen Namen zu verleihen, ist bekanntlich keine triviale Angelegenheit. Doch die wahren Abgründe tun sich bei der Namensgebung von Booten auf. Ich habe eine Liste mit Namen von Weidlingen (siehe Bild) zusammengetragen:

  • Anigeo
  • Anjali
  • Chilawee
  • Chretzer
  • Chröttli
  • Conepa
  • Da da am draat
  • Daschwewo
  • Davidstadt-Chrützer
  • Dolce Vita
  • Dreamtime
  • Emma
  • Freya II
  • Fröschli
  • Hobbit
  • Ichchawarte
  • Indian Summer
  • Joy
  • Knilch 1
  • Knilch II
  • Kranich 10
  • Lemsen
  • Lomiaumit 4
  • Louis III
  • Medusa
  • Milan 4
  • Reyrean
  • Rhio
  • Rhynixe
  • Rhystaurante
  • Rhytigerli
  • Rhytüüfel
  • Rónán
  • Seewadel IV
  • Siesta IV
  • Silbermond
  • Sueña
  • Summer’s here
  • Sunneströössli
  • Süüfferli
  • Triebholz
  • Wifeschreck
  • Wudle
  • Zwirbel

Die Bandbreite reicht von unverständlich über kitschig bis peinlich, aber ein wirklich guter Name ist meines Erachtens nicht dabei. Was natürlich höchst subjektiv ist. Obwohl ich dazu tendiere, Sunneströössli als objektiv kitschig zu bezeichnen.

Da gibt es die verfehlten Witze: Ichchawarte (“Ich kann warten”) zum Beispiel. Oder Lomiaumit 4 (“Lass mich auch mit”). Oder Da da am draat (“Das dort am Draht”). Oder Daschwewo (“Das ist wie damals, als”). Oder Rhystaurante (Aaah, bringt mich hier weg!).

Dann die Augenverdreher. Nicht ganz so schlimm, aber irgendwie nicht würdig: Wifeschreck (nebenbei, zwei f wären der Verständlichkeit zuträglich), Silbermond (hä?), Dreamtime, Davidstadt-Chrützer (whatever) und Konsorten.

Einige erschliessen sich mir nicht: Wudle, was soll das sein? Kann der Zwirbel tanzen? Ist Anjali ein Diminutiv von Anja oder muss man das spanisch aussprechen? Reyrean, Chilaween, Lemsen: Was soll das? Säuft das Süüfferli gern mal ab mitten auf dem Rhein? Ach wie schnüsig, wir gehen unter!

Insider zu verwenden, die niemand versteht, ist natürlich erlaubt. Und doch ist es etwas merkwürdig, ist der Name doch gerade auch da für den Rest der Welt. Deshalb meinen ja auch alle, so extrem kreativ sein zu müssen. Blöd nur, wenn man der Welt aus lauter Stolz die eigene Ader für Kitsch vorführt. Fröschli, Chröttli, Rhytigerli und Rhytüüfel lassen grüssen.

So verschieden die Ansätze, eine Gemeinsamkeit scheint zu sein, dass man mitteilen will, wie innig das Verhältnis zum Weidling ist: Hier verbringt man immer eine gute Zeit. Geradezu exemplarisch schreien dies Namen wie Joy, Dolce Vita, Dreamtime, Summer’s here und Sunneströössli heraus.

Hier will man sein, hier ist man zu Hause, und Tage am und auf dem Rhein mit dem Weidling sind eine Konstante – davon zeugen die Nummerierungen, die wohl beweisen sollen, seit wie vielen Jahrzehnten man selbst und die Vorfahren dem Rhein schon treu sind. Das Heimatgefühl wird durch Mundartausdrücke unterstrichen.

Eigentlich verständlich, dass sich die ganze Zuneigung zu Sommer, Sonne, Rhein und das Vergnügen von Baden und Bräteln mit Freunden im Namen des eigenen Weidlings niederschlagen soll. Eine Überlegung wert wäre es jedoch, dies nicht auf eine so plakative Art zu tun, nicht möglichst viel ohne Rücksicht auf (ästhetische) Verluste in den Namen hinein zu quetschen – Lisa oder Johnny würde es auch tun. Und wenn witzig, mein Geschmack wäre da eher so etwas wie Potemkin, Plan B oder Hansruedi.

Aber eben: Schlussendlich ist es eine Frage des Geschmacks. Nur seltsam, dass alle anderen so einen schlechten Geschmack haben.


White Horse Uffington

Ins Gras “gekratztes” White Horse bei Uffington, England: Will uns das was sagen? (CC by superdove)

Man stelle sich vor, ein Mensch stünde vor einem, der achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung lebte. Wie kommunizieren? Die paar rekonstruierten Wörter der indogermanischen Ursprache wie *ph₂ter (Vater) oder *k’mtom, an die ich mich auf dem Stehgreif erinnere, brächten wohl nicht viel, zumal Proto-Indogermanisch erst 4 Jahrtausende später angesetzt wird.

Jaja, sich der Extremitäten bedienen natürlich (“mit Händen und Füssen sprechen”). Und wenn man etwas schriftlich vermitteln müsste? Sagen wir, unseren Nachfahren, die in 10′000 Jahren leben werden – wie stellt man das am schlausten an?

Es klingt nach einer absurden Fragestellung ohne Bezug zur Realität. Aber genau darüber grübeln Wissenschaftler: Damit unser Atommüll nicht aus Versehen in ein paar tausend Jahren ausgebuddelt wird, sollen Endlager allgemeinverständlich gekennzeichnet werden. Welche Möglichkeiten gibt es, der Zukunft etwas mitzuteilen? Und welche können wir mit Blick in die Vergangenheit als geeignet betrachten?

(Jetzt denken.)

Auf die Idee mit den “Achtung!”-Tafeln in allen Sprachen wäre ich auch noch gekommen. Die Geistesblitze der Wissenschaftler fallen kreativer aus: Priester sollen die Botschaft weitergeben, Strahlenkatzen vor atomarer Strahlung warnen, vielleicht am besten gar nicht markieren oder doch ganz ohne Bling-Bling mit Tonscherben (umgekehrte Psychologie oder so, weil die Mumien haben wir ja trotz Warnungen auch ausgegraben)? Im Detail beim Tagi nachzulesen.


Grüssen ist einer der kreativsten Bereiche der Sprache. Lassen wir die regionale und zeitliche Variation beiseite, haben wir immer noch ein Arsenal an Möglichkeiten, unser Gegenüber zu begrüssen. Davon passt natürlich jeweils nur eine stark reglementierte Untermenge.

Die Auswahl reicht von Grüezi, Guten Tag, Guten Abend über Hallo, Tach!, Tach wohl! bis zu hey, ciao, ai!, hallihallo, ey Alter! oder was geht?, und damit ist natürlich noch längst nicht alles aufgezählt. Gerade unter Freunden gibt es noch viel mehr, was man sagen kann, während man sich bei weniger vertrauten Personen eher an die konventionellen Begrüssungsformeln hält.

Doch auch die können variiert werden: Natürlich zuerst mal mit der Intonation – von einem überfreundliches Grüessech bis zu einem eintönig-unterkühlten Hallo ist vieles möglich. Oder man verschluckt die erste Silbe: ‘n Obig ist ziemlich geläufig, aber auch Grüezi und Hallo lassen sich zu ‘zi und ‘lo verkürzen.

Schön und gut, aber warum wünschen wir uns eigentlich zur Begrüssung einen guten Tag und nicht einen schönen? Schönen Tag (noch) sagt man zur Verabschiedung (oder auch nur En schöne!). Warum das so ist, weiss ich nicht – aber in mir bekannten anderen Sprachen wünscht sich zur Begrüssung auch niemand einen schönen, sondern immer einen guten Tag: Bonjour, Buenos días, G’day (Australisches Englisch), Добрый день (dobryj djen), Goddag (schwedisch), Góðan Daginn (isländisch), hyvää päivää (finnisch)


Das Fazit, nachdem ich mir theoretisch und an Beispielmaterial überlegt und mich sogar vor den Spiegel gestellt habe: kann nicht so schwer sein aber ist schon nicht so einfach, aber vielleicht ist das “Bauchreden” gar nicht die grosse Herausforderung beim Bauchreden.

“Bauchreden” in Anführungszeichen, weil man natürlich nicht mit dem Bauch sprechen kann (Sorry, liebe Kinder. Übrigens ist auch der Osterhase… lassen wir das). Um die Unterschiede in den akustischen Schwingungen zu produzieren, die unser darauf spazialisiertes Gehör mit dem Gehirn zusammen als verschiedene Laute wahrnehmen können, brauchen wir den Vokaltrakt. Der Vokaltrakt reicht vom Kehlkopf (den man bei Männern in Form des Adamsapfels nach oben huschen sieht, wenn wir schlucken) bis zu den Lippen.

Unmöglich ist es nicht, den ganzen Sprechapparat so zu benutzen, dass man von aussen keine Bewegung sieht. Die Schwierigkeit sind Laute, die an den Lippen gebildet werden (p, b, m, f, w). Diese muss man entweder vermeiden, ersetzen oder das Publikum ablenken, während man sie produziert. Letzteres scheint mir zu dilettantisch. Es fiele wohl auf und wird, denke ich, nicht gemacht.

Vermeiden oder wenigstens tendenziell vermeiden ist sicher eine Strategie; und die paar Lippenlaute, die dann noch da sind, kann man durch ähnliche Laute ersetzen, zum Beispiel ein [m] durch ein [n], das man eventuell noch etwas modulieren kann, so dass es mehr wie ein [m] klingt. Die Abweichung ist nicht zu unterschätzen, bei der wir es noch schaffen, Sinnvolles zu ergänzen. Allerdings fiele das mit der Zeit wohl auch auf. Also gibt es sicher noch ein paar Tricks, einen weiter hinten produzierten Laut so klingen zu lassen, als ob er weiter vorne gesprochen würde.

Nun habe ich Videos von einigen Bauchrednern angesehen, und mir scheint, gerade [p] wird schon vermieden, weil es schwer auf andere Weise imitiert werden kann – Achmed a.k.a. Jeff Dunham sagt zum Beispiel “stop touching me” – hier muss das [p] gar nicht gesprochen werden, wenn zur Kompensation beim darauf folgenden Plosiven [t] die Luft etwas länger angehalten wird, klingt es ziemlich natürlich (Ähnliches passiert ja auch beim Sprechen, z.B. act sprechen Anglosaxen häufig nur [æt:] aus). Allerdings ist es mir ein Rätsel, warum er sein Skelett “Achmed” nennt, mit [m] drin…

Mir scheint, die Herausforderung ist, das Technische zwar auszureizen und gut zu trainieren – dazu gehört auch, das Publikum so gut zu unterhalten, um von dem abzulenken, was nicht möglich ist, nämlich z.B. ein [p] ohne Lippen zu produzieren, und damit die Illusion aufrechtzuerhalten. Und das ist ja auch der Witz: dass man weiss, dass man einer Illusion aufsitzt, wenn man meint, das Skelett spräche, aber es sieht eben trotzdem so echt aus! Aber seht selbst:


Mässig interessiert sass ich in einer Vorlesung und schaute ein Wort an, das dem deutschen Mensch entspricht. Ich schaute mir es so lange an, dass ich es auseinandernahm und mir bewusst wurde: Mensch muss aus Mann und -isch zusammengesetzt sein!

Die Erkenntnis mag insofern unbedeutend sein, als dass sie relativ nahe liegt und sie Dutzende vor mir hatten; trotzdem verspüre ich den Drang, dieses meine neuerworbene etymologische Wissen, dass ich danach nachschlug, mit dir, liebes Blog, und euch, liebe Leserin, lieber Leser, zu teilen.

In der Tat geht Mensch auf das Wort, dass deusch Mann heisst, zurück. Die indogermanische Wurzel hiess sowohl Mann als auch Mensch. Das blieb in den meisten germanischen Sprachen auch bis ca. 1000 u.Z. so.

Mit dem Adjektiv-Suffix -isk (heute -isch) wurde noch im Gemeingermanischen (also der Sprache, von der alle germanischen Sprachen von Isländisch über Englisch, Niederländisch oder Gotisch bis Deutsch abstammen) ein Adjektiv mit der Bedeutung “menschlich, männlich” gebildet, und daraus wurde dann unser Substantiv Mensch, althochdeutsch mannisco.

Sowohl der Etymologieduden als auch die Gebrüder Grimm behaupten, dass das Wort aufs Deutsche und allenfalls Niederländische (mens) beschänkt sei, was ich allerdings nicht bestätigen kann, denn Mensch heisst auf Schwedisch människa (ausgesprochen “männ(i)scha”), ähnlich auf Dänisch und Norwegisch. Die IsländerInnen verwenden immer noch das Wort maður (Singularstamm man-), dessen etymologische Entsprechungen – soweit ich das überblicke – in allen germanischen Sprachen eine semantische Verengung erfahren haben. Am Beispiel des Deutschen und Englischen:

Entwicklung man (englisch und deutsch)

Das altenglische Wort man hat einen anderen Weg genommen als das Deutsche, aber am Ende ist es gleich herausgekommen: Die Semantik von “Menschen beiderlei Geschlechts” auf “männlicher Erwachsener” wurde um das Jahr 1000 vollzogen, nachdem Frauen die Bezeichnung “Frau-Menschen”, wifman/wimman bekommen hatten.

Folglich hat im Englischen das Wort für die Frau (abgeleitet von Mensch) das Wort für Mensch und Mann auf Mann eingeeingt; im Deutschen hat das neue Wort für Mensch das Wort für Mensch und Mann auf Mann eingeeingt.

Wie dem auch sei, das deutsche Mensch hat jedenfalls denselben Wortstamm wie der Mann.


Straßen, in der Schweiz Strassen, hat jeder und jede vor der Tür. Doch mir geht es um die Strassen im Kartenspiel. Ich habe mich gefragt, weshalb das englische Pendant straight heisst, also ‘Gerade’.

Laut dem Online Etymology Dictionary ist die Bezeichnung straight im Poker 1841 erstmalig belegt. Im gleichzeitig begonnenen Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist diese Bedeutung von Strasse (bzw. Strasze) nicht verzeichnet.

Wir schliessen, dass die englische straight höchstwahrscheinlich vor der deutschen Strasse war. Nicht ganz ausschliessen kann man aber, dass das Wort schon vorher für eine ansteigende Abfolge von Karten in Gebrauch war. Beim Jassen nennt sich das allerdings ein Weis oder einfach Dreiblatt, Vierblatt etc. Beim Pochen, nach Wikipedia Vorläufer des Pokerns und nach Online Etymology Dictionary wahrscheinlich auch Namensgeber, gab es keine Strasse.

Gehen wir also von der erstgenannten Möglichkeit aus: Das Englische war zuerst. Demnach ist Strasse entweder eine falsche Lehnübersetzung oder eine Neubildung, eventuell (oder sogar wahrscheinlich) mit Einfluss des englischen Terminus. Eine Neubildung würde heissen, unabhängig vom Englischen hätte sich die Bezeichnung Strasse entwickelt – doch dass ein so ähnlich klingendes Wort ohne Einfluss von straigt herausbildete, halte ich für unwahrscheinlich. Also würde ich mutmassen, dass es eine Lehnübersetzung ist, allerdings nicht mit dem normalerweise straigt entsprechenden Gerade, sondern mit der “falschen” Entsprechung Strasse. Dies scheint für deutsche Ohren schöner geklungen zu haben als das eher technische Wort Gerade und die metaphorische Übertragung wurde wohl ebenfalls als chic empfunden.

Eine Weitere Möglichkeit wäre, dass das Englische straight via eine andere Sprache, wo das gleiche Wort für Strasse/street und Gerade/straight stehen kann, ins Deutsche gekommen ist. Mir fiele da Niederländisch ein, das ich aber nicht spreche. An dieser Stelle müsste man auch wissen, auf welchem Wege das erste Spiel mit Strasse nach Europa kam. Oder man bräuchte eine Zeitmaschine, um schnell kucken zu gehen. Und vielleicht fallen einem mit einer lebhafteren Fantasie noch viel mehr Möglichkeiten ein…


Sie haben weniger zu tun als auch schon.
Sie haben wohl weniger zu tun als auch schon mal.
Sie haben schon eher weniger zu tun als früher mal.
Eigentlich haben sie wohl weniger zu tun als früher.
Sie haben wohl schon weniger zu tun als früher.
Früher hatten sie sicher auch schon mal mehr zu tun.
Sie haben doch wohl schon eher weniger zu tun als früher mal.
Eigentlich haben sie doch glaubs irgendwie schon wohl eher weniger zu tun als früher.

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