Lieber Gruss

Diese E-Mails machen sich daran, alles zu verändern: die Geschwindigkeit und die Bedeutsamkeit der schriftlichen Kommunikation, Grossschreiberegeln und Grussformeln – ein neues Medium braucht eine neue Sprache. Da kann man nicht einfach Liebe Dings, blabla, Liebe Grüsse schreiben.

Nein, es muss etwas Neues her. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hi, Hallo, Hallihallo, Hallöle, Hey, Hej, Hei, Hoi, Tach schön, Tach auch, Tach, Boschuur, mfg, lg, glg, gvlg, gvglg, hdg, Greets, Grüessli, Machs gut, Tschö.

Und: Ein lieber Gruss.

Nicht: Einen lieben Gruss. Mit liebe Grüsse konnte diese Klippe der Grammatik erfolgreich umschifft werden; denn im Plural sieht der Akkusativ genau wie der Nominativ aus.

Wunschformeln stehen immer im Akkusativ: Guten Tag, nicht Guter Tag. Schönen Tag noch, nicht schöner Tag noch. Besten Dank, nicht bester Dank.

Der Grund: Ursprünglich hiess es Ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Haben Sie besten Dank. Empfangen Sie liebe Grüsse. Und analog, würde ich sagen: Ich schicke Ihnen einen lieben Gruss.

Also bitte, bekräftigt mich: man sagt doch Lieben Gruss, nicht Lieber Gruss, auch wenn es zugegebenermassen total komisch klingt. Und trotzdem: Mein Sprachgefühl sagt mir, mit lieber Gruss stimmt etwas nicht.

Darum mein nicht ernst gemeintes Fazit: Warum denn immer so bescheuerte Neuerungen? Das klingt doch alles falsch. Vor hundert Jahren kamen sie mit der Sprache doch auch ganz gut zu recht und da gab es auch noch nicht all diese Computer (wäh, Anglizismus) und Blogs (was ist denn das für ein Wort!) und sowieso war alles irgendwie… anders.

Der Beitrag "Lieber Gruss" wurde am Dienstag, den 12. Mai 2009 um 22:07 Uhr veröffentlicht und unter Herausgepickt abgelegt. Du kannst kommentieren oder ein Trackback erstellen.

    Patrick Schulz am 12.5.09 um 23:57

    Also einer meiner Profs würde wohl sagen, dass die Grußformel Ich wünsche ihnen noch ein schöner Tag Instanz des „Rheinischen Akkusativ“ ist (e.g. hier, S. 14f), bei dem Akkusativ in solchen Konstruktionen wie Nominativ flektiert…

    Kim am 13.5.09 um 19:13

    das PDF ist eine wahre Fundgrube :) In der Tat habe ich beim letzten Abschnitt auch an Herrn Sick gedacht, der mitunter alle neuen Entwicklungen als “schlechtes Deutsch” abstempelt…
    Den Rheinischen Akkusativ kannte ich nicht. Allerdings gibt es im Schweizerdeutschen auch keinen Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ, was die Form betrifft (ausser bei Personalpronomen). Kann also gut sein, dass “ein lieber Gruss” darauf zurückzuführen ist.
    Meine These ist ja, dass “einen lieben Gruss” so blöd klingt, dass eine *bewusste* Korrektur stattfindet (dieselben Leute würden nicht “Guter Tag” schreiben, behaupte ich jetzt mal).

    Peter am 19.12.09 um 09:31

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Beitrag! Ob es nun richtig “Lieber Gruß” oder “Lieben Gruß” heißt, hatte mich schon länger interessiert.

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