Weidlinge am Lindli

Jemandem einen Namen zu verleihen, ist bekanntlich keine triviale Angelegenheit. Doch die wahren Abgründe tun sich bei der Namensgebung von Booten auf. Ich habe eine Liste mit Namen von Weidlingen (siehe Bild) zusammengetragen:

  • Anigeo
  • Anjali
  • Chilawee
  • Chretzer
  • Chröttli
  • Conepa
  • Da da am draat
  • Daschwewo
  • Davidstadt-Chrützer
  • Dolce Vita
  • Dreamtime
  • Emma
  • Freya II
  • Fröschli
  • Hobbit
  • Ichchawarte
  • Indian Summer
  • Joy
  • Knilch 1
  • Knilch II
  • Kranich 10
  • Lemsen
  • Lomiaumit 4
  • Louis III
  • Medusa
  • Milan 4
  • Reyrean
  • Rhio
  • Rhynixe
  • Rhystaurante
  • Rhytigerli
  • Rhytüüfel
  • Rónán
  • Seewadel IV
  • Siesta IV
  • Silbermond
  • Sueña
  • Summer’s here
  • Sunneströössli
  • Süüfferli
  • Triebholz
  • Wifeschreck
  • Wudle
  • Zwirbel

Die Bandbreite reicht von unverständlich über kitschig bis peinlich, aber ein wirklich guter Name ist meines Erachtens nicht dabei. Was natürlich höchst subjektiv ist. Obwohl ich dazu tendiere, Sunneströössli als objektiv kitschig zu bezeichnen.

Da gibt es die verfehlten Witze: Ichchawarte (“Ich kann warten”) zum Beispiel. Oder Lomiaumit 4 (“Lass mich auch mit”). Oder Da da am draat (“Das dort am Draht”). Oder Daschwewo (“Das ist wie damals, als”). Oder Rhystaurante (Aaah, bringt mich hier weg!).

Dann die Augenverdreher. Nicht ganz so schlimm, aber irgendwie nicht würdig: Wifeschreck (nebenbei, zwei f wären der Verständlichkeit zuträglich), Silbermond (hä?), Dreamtime, Davidstadt-Chrützer (whatever) und Konsorten.

Einige erschliessen sich mir nicht: Wudle, was soll das sein? Kann der Zwirbel tanzen? Ist Anjali ein Diminutiv von Anja oder muss man das spanisch aussprechen? Reyrean, Chilaween, Lemsen: Was soll das? Säuft das Süüfferli gern mal ab mitten auf dem Rhein? Ach wie schnüsig, wir gehen unter!

Insider zu verwenden, die niemand versteht, ist natürlich erlaubt. Und doch ist es etwas merkwürdig, ist der Name doch gerade auch da für den Rest der Welt. Deshalb meinen ja auch alle, so extrem kreativ sein zu müssen. Blöd nur, wenn man der Welt aus lauter Stolz die eigene Ader für Kitsch vorführt. Fröschli, Chröttli, Rhytigerli und Rhytüüfel lassen grüssen.

So verschieden die Ansätze, eine Gemeinsamkeit scheint zu sein, dass man mitteilen will, wie innig das Verhältnis zum Weidling ist: Hier verbringt man immer eine gute Zeit. Geradezu exemplarisch schreien dies Namen wie Joy, Dolce Vita, Dreamtime, Summer’s here und Sunneströössli heraus.

Hier will man sein, hier ist man zu Hause, und Tage am und auf dem Rhein mit dem Weidling sind eine Konstante – davon zeugen die Nummerierungen, die wohl beweisen sollen, seit wie vielen Jahrzehnten man selbst und die Vorfahren dem Rhein schon treu sind. Das Heimatgefühl wird durch Mundartausdrücke unterstrichen.

Eigentlich verständlich, dass sich die ganze Zuneigung zu Sommer, Sonne, Rhein und das Vergnügen von Baden und Bräteln mit Freunden im Namen des eigenen Weidlings niederschlagen soll. Eine Überlegung wert wäre es jedoch, dies nicht auf eine so plakative Art zu tun, nicht möglichst viel ohne Rücksicht auf (ästhetische) Verluste in den Namen hinein zu quetschen – Lisa oder Johnny würde es auch tun. Und wenn witzig, mein Geschmack wäre da eher so etwas wie Potemkin, Plan B oder Hansruedi.

Aber eben: Schlussendlich ist es eine Frage des Geschmacks. Nur seltsam, dass alle anderen so einen schlechten Geschmack haben.


White Horse Uffington

Ins Gras “gekratztes” White Horse bei Uffington, England: Will uns das was sagen? (CC by superdove)

Man stelle sich vor, ein Mensch stünde vor einem, der achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung lebte. Wie kommunizieren? Die paar rekonstruierten Wörter der indogermanischen Ursprache wie *ph₂ter (Vater) oder *k’mtom, an die ich mich auf dem Stehgreif erinnere, brächten wohl nicht viel, zumal Proto-Indogermanisch erst 4 Jahrtausende später angesetzt wird.

Jaja, sich der Extremitäten bedienen natürlich (“mit Händen und Füssen sprechen”). Und wenn man etwas schriftlich vermitteln müsste? Sagen wir, unseren Nachfahren, die in 10′000 Jahren leben werden – wie stellt man das am schlausten an?

Es klingt nach einer absurden Fragestellung ohne Bezug zur Realität. Aber genau darüber grübeln Wissenschaftler: Damit unser Atommüll nicht aus Versehen in ein paar tausend Jahren ausgebuddelt wird, sollen Endlager allgemeinverständlich gekennzeichnet werden. Welche Möglichkeiten gibt es, der Zukunft etwas mitzuteilen? Und welche können wir mit Blick in die Vergangenheit als geeignet betrachten?

(Jetzt denken.)

Auf die Idee mit den “Achtung!”-Tafeln in allen Sprachen wäre ich auch noch gekommen. Die Geistesblitze der Wissenschaftler fallen kreativer aus: Priester sollen die Botschaft weitergeben, Strahlenkatzen vor atomarer Strahlung warnen, vielleicht am besten gar nicht markieren oder doch ganz ohne Bling-Bling mit Tonscherben (umgekehrte Psychologie oder so, weil die Mumien haben wir ja trotz Warnungen auch ausgegraben)? Im Detail beim Tagi nachzulesen.


Grüssen ist einer der kreativsten Bereiche der Sprache. Lassen wir die regionale und zeitliche Variation beiseite, haben wir immer noch ein Arsenal an Möglichkeiten, unser Gegenüber zu begrüssen. Davon passt natürlich jeweils nur eine stark reglementierte Untermenge.

Die Auswahl reicht von Grüezi, Guten Tag, Guten Abend über Hallo, Tach!, Tach wohl! bis zu hey, ciao, ai!, hallihallo, ey Alter! oder was geht?, und damit ist natürlich noch längst nicht alles aufgezählt. Gerade unter Freunden gibt es noch viel mehr, was man sagen kann, während man sich bei weniger vertrauten Personen eher an die konventionellen Begrüssungsformeln hält.

Doch auch die können variiert werden: Natürlich zuerst mal mit der Intonation – von einem überfreundliches Grüessech bis zu einem eintönig-unterkühlten Hallo ist vieles möglich. Oder man verschluckt die erste Silbe: ‘n Obig ist ziemlich geläufig, aber auch Grüezi und Hallo lassen sich zu ‘zi und ‘lo verkürzen.

Schön und gut, aber warum wünschen wir uns eigentlich zur Begrüssung einen guten Tag und nicht einen schönen? Schönen Tag (noch) sagt man zur Verabschiedung (oder auch nur En schöne!). Warum das so ist, weiss ich nicht – aber in mir bekannten anderen Sprachen wünscht sich zur Begrüssung auch niemand einen schönen, sondern immer einen guten Tag: Bonjour, Buenos días, G’day (Australisches Englisch), Добрый день (dobryj djen), Goddag (schwedisch), Góðan Daginn (isländisch), hyvää päivää (finnisch)


Das Fazit, nachdem ich mir theoretisch und an Beispielmaterial überlegt und mich sogar vor den Spiegel gestellt habe: kann nicht so schwer sein aber ist schon nicht so einfach, aber vielleicht ist das “Bauchreden” gar nicht die grosse Herausforderung beim Bauchreden.

“Bauchreden” in Anführungszeichen, weil man natürlich nicht mit dem Bauch sprechen kann (Sorry, liebe Kinder. Übrigens ist auch der Osterhase… lassen wir das). Um die Unterschiede in den akustischen Schwingungen zu produzieren, die unser darauf spazialisiertes Gehör mit dem Gehirn zusammen als verschiedene Laute wahrnehmen können, brauchen wir den Vokaltrakt. Der Vokaltrakt reicht vom Kehlkopf (den man bei Männern in Form des Adamsapfels nach oben huschen sieht, wenn wir schlucken) bis zu den Lippen.

Unmöglich ist es nicht, den ganzen Sprechapparat so zu benutzen, dass man von aussen keine Bewegung sieht. Die Schwierigkeit sind Laute, die an den Lippen gebildet werden (p, b, m, f, w). Diese muss man entweder vermeiden, ersetzen oder das Publikum ablenken, während man sie produziert. Letzteres scheint mir zu dilettantisch. Es fiele wohl auf und wird, denke ich, nicht gemacht.

Vermeiden oder wenigstens tendenziell vermeiden ist sicher eine Strategie; und die paar Lippenlaute, die dann noch da sind, kann man durch ähnliche Laute ersetzen, zum Beispiel ein [m] durch ein [n], das man eventuell noch etwas modulieren kann, so dass es mehr wie ein [m] klingt. Die Abweichung ist nicht zu unterschätzen, bei der wir es noch schaffen, Sinnvolles zu ergänzen. Allerdings fiele das mit der Zeit wohl auch auf. Also gibt es sicher noch ein paar Tricks, einen weiter hinten produzierten Laut so klingen zu lassen, als ob er weiter vorne gesprochen würde.

Nun habe ich Videos von einigen Bauchrednern angesehen, und mir scheint, gerade [p] wird schon vermieden, weil es schwer auf andere Weise imitiert werden kann – Achmed a.k.a. Jeff Dunham sagt zum Beispiel “stop touching me” – hier muss das [p] gar nicht gesprochen werden, wenn zur Kompensation beim darauf folgenden Plosiven [t] die Luft etwas länger angehalten wird, klingt es ziemlich natürlich (Ähnliches passiert ja auch beim Sprechen, z.B. act sprechen Anglosaxen häufig nur [æt:] aus). Allerdings ist es mir ein Rätsel, warum er sein Skelett “Achmed” nennt, mit [m] drin…

Mir scheint, die Herausforderung ist, das Technische zwar auszureizen und gut zu trainieren – dazu gehört auch, das Publikum so gut zu unterhalten, um von dem abzulenken, was nicht möglich ist, nämlich z.B. ein [p] ohne Lippen zu produzieren, und damit die Illusion aufrechtzuerhalten. Und das ist ja auch der Witz: dass man weiss, dass man einer Illusion aufsitzt, wenn man meint, das Skelett spräche, aber es sieht eben trotzdem so echt aus! Aber seht selbst:


Mässig interessiert sass ich in einer Vorlesung und schaute ein Wort an, das dem deutschen Mensch entspricht. Ich schaute mir es so lange an, dass ich es auseinandernahm und mir bewusst wurde: Mensch muss aus Mann und -isch zusammengesetzt sein!

Die Erkenntnis mag insofern unbedeutend sein, als dass sie relativ nahe liegt und sie Dutzende vor mir hatten; trotzdem verspüre ich den Drang, dieses meine neuerworbene etymologische Wissen, dass ich danach nachschlug, mit dir, liebes Blog, und euch, liebe Leserin, lieber Leser, zu teilen.

In der Tat geht Mensch auf das Wort, dass deusch Mann heisst, zurück. Die indogermanische Wurzel hiess sowohl Mann als auch Mensch. Das blieb in den meisten germanischen Sprachen auch bis ca. 1000 u.Z. so.

Mit dem Adjektiv-Suffix -isk (heute -isch) wurde noch im Gemeingermanischen (also der Sprache, von der alle germanischen Sprachen von Isländisch über Englisch, Niederländisch oder Gotisch bis Deutsch abstammen) ein Adjektiv mit der Bedeutung “menschlich, männlich” gebildet, und daraus wurde dann unser Substantiv Mensch, althochdeutsch mannisco.

Sowohl der Etymologieduden als auch die Gebrüder Grimm behaupten, dass das Wort aufs Deutsche und allenfalls Niederländische (mens) beschänkt sei, was ich allerdings nicht bestätigen kann, denn Mensch heisst auf Schwedisch människa (ausgesprochen “männ(i)scha”), ähnlich auf Dänisch und Norwegisch. Die IsländerInnen verwenden immer noch das Wort maður (Singularstamm man-), dessen etymologische Entsprechungen – soweit ich das überblicke – in allen germanischen Sprachen eine semantische Verengung erfahren haben. Am Beispiel des Deutschen und Englischen:

Entwicklung man (englisch und deutsch)

Das altenglische Wort man hat einen anderen Weg genommen als das Deutsche, aber am Ende ist es gleich herausgekommen: Die Semantik von “Menschen beiderlei Geschlechts” auf “männlicher Erwachsener” wurde um das Jahr 1000 vollzogen, nachdem Frauen die Bezeichnung “Frau-Menschen”, wifman/wimman bekommen hatten.

Folglich hat im Englischen das Wort für die Frau (abgeleitet von Mensch) das Wort für Mensch und Mann auf Mann eingeeingt; im Deutschen hat das neue Wort für Mensch das Wort für Mensch und Mann auf Mann eingeeingt.

Wie dem auch sei, das deutsche Mensch hat jedenfalls denselben Wortstamm wie der Mann.


Straßen, in der Schweiz Strassen, hat jeder und jede vor der Tür. Doch mir geht es um die Strassen im Kartenspiel. Ich habe mich gefragt, weshalb das englische Pendant straight heisst, also ‘Gerade’.

Laut dem Online Etymology Dictionary ist die Bezeichnung straight im Poker 1841 erstmalig belegt. Im gleichzeitig begonnenen Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm ist diese Bedeutung von Strasse (bzw. Strasze) nicht verzeichnet.

Wir schliessen, dass die englische straight höchstwahrscheinlich vor der deutschen Strasse war. Nicht ganz ausschliessen kann man aber, dass das Wort schon vorher für eine ansteigende Abfolge von Karten in Gebrauch war. Beim Jassen nennt sich das allerdings ein Weis oder einfach Dreiblatt, Vierblatt etc. Beim Pochen, nach Wikipedia Vorläufer des Pokerns und nach Online Etymology Dictionary wahrscheinlich auch Namensgeber, gab es keine Strasse.

Gehen wir also von der erstgenannten Möglichkeit aus: Das Englische war zuerst. Demnach ist Strasse entweder eine falsche Lehnübersetzung oder eine Neubildung, eventuell (oder sogar wahrscheinlich) mit Einfluss des englischen Terminus. Eine Neubildung würde heissen, unabhängig vom Englischen hätte sich die Bezeichnung Strasse entwickelt – doch dass ein so ähnlich klingendes Wort ohne Einfluss von straigt herausbildete, halte ich für unwahrscheinlich. Also würde ich mutmassen, dass es eine Lehnübersetzung ist, allerdings nicht mit dem normalerweise straigt entsprechenden Gerade, sondern mit der “falschen” Entsprechung Strasse. Dies scheint für deutsche Ohren schöner geklungen zu haben als das eher technische Wort Gerade und die metaphorische Übertragung wurde wohl ebenfalls als chic empfunden.

Eine Weitere Möglichkeit wäre, dass das Englische straight via eine andere Sprache, wo das gleiche Wort für Strasse/street und Gerade/straight stehen kann, ins Deutsche gekommen ist. Mir fiele da Niederländisch ein, das ich aber nicht spreche. An dieser Stelle müsste man auch wissen, auf welchem Wege das erste Spiel mit Strasse nach Europa kam. Oder man bräuchte eine Zeitmaschine, um schnell kucken zu gehen. Und vielleicht fallen einem mit einer lebhafteren Fantasie noch viel mehr Möglichkeiten ein…


Sie haben weniger zu tun als auch schon.
Sie haben wohl weniger zu tun als auch schon mal.
Sie haben schon eher weniger zu tun als früher mal.
Eigentlich haben sie wohl weniger zu tun als früher.
Sie haben wohl schon weniger zu tun als früher.
Früher hatten sie sicher auch schon mal mehr zu tun.
Sie haben doch wohl schon eher weniger zu tun als früher mal.
Eigentlich haben sie doch glaubs irgendwie schon wohl eher weniger zu tun als früher.

Partikeln, man muss sie einfach lieben. Sie ermöglichen es, Sätze mit beliebig vielen Abtönungen, Verstärkungen, Verrenkungen und Implikationen vollzupacken. Was unter anderem sehr interessant sein kann, wenn man nur 140 (Twitter) oder 160 (SMS) Zeichen zur Verfügung hat.


Die Häufung des “Ach-Lauts” ist für Auswärtige bezeichnend fürs Schweizerdeutsche. Historisch hängt dies mit dem Zweiten Germanischen Lautwandel zusammen, den das Hochalemannische (das nicht ganz deckungsgleich mit dem geografischen Begriff “Schweizerdeutsch” ist) im Gegensatz zum restlichen Hochdeutschen “ganz fertig gemacht” hat.

Nach der Lektüre der folgenden, – bewusst, dass das noch nicht die ganze Wahrheit ist – als ”Annäherung” betitelte Abhandlung über das Schweizerdeutsche Konsonantensystem sollte klar sein, weshalb das /x/ – so die phonetische Schreibweise des “Ach-Lauts” – im Schweizerdeutschen öfter vorkommt als im Hochdeutschen.

Ich werde an manchen Orten pauschalisieren, aber natürlich ohne Seich zu erzählen. Der Graubündner Dialekt, der Walliser Dialekt (bzw. Höchstalemannisch, das ja schon im Berner Oberland und in der Innerschweiz beginnt) und der Basler Dialekt sind ausdrücklich ausgenommen, da diese Dialekte weitere Eigenheiten haben, auf die einzugehen die Angelegenheit noch mehr verkomplizieren würde.

Die Annäherung geht (sozusagen kontrastiv) vom Hochdeutschen (=Hd., im Sinne von Standarddeutsch) aus. Für eine allgemeine Annäherung ans Schweizerdeutsche verweise ich auf den Artikel, den ich hier vor ca. einem Jahr dazu veröffentlicht habe.

labiale Reihe

Beginnen wir bei den labialen Konsonanten (Grafik: pink=Hochdeutsch, gelb=Schweizerdeutsch). Der Frikativ /f/ und die Affrikate /pf/ sind gleich verteilt, wie Wortpaare beweisen (Beispiele für Anlaut, Inlaut, Auslaut): Faden vs. Fade, Tafel vs. Tafle, Hof vs. Hof; Pfanne vs. Pfanne, tropfen vs. tropfe, Knopf vs. Chnopf.

Der hochdeutsche stimmlose bilabiale Plosiv /p/ (mit Allophon [pʰ]) hat zwei Entsprechungen in chd. /p/ und /pʰ/: Pelz, Pass oder Puff werden ohne Aspiration gesprochen, Panter, Park oder Piercing aspiriert. Bei älteren Wörtern scheint tendenziell die Aspiration zu fehlen. Spricht man Pelz mit Aspiration, bekommt es für meine Ohren einen “hochdeutschen Anstrich”.

Soweit könnte man sagen, dass /p/ und /pʰ/ nur Allophone seien, da es verständlich bleibt, wenn eine Aspiration fehlt oder dazukommt. Doch es gibt eine Reihe von Wörtern, bei denen die Aspiration meines Erachtens phonemische Qualität hat. Deren hochdeutsche Entsprechung ist beh-, das zu /pʰ/ zusammengezogen wurde: bhalte /’pʰaːltə/ (“behalten”), Bhaltis /’pʰaːltis/ (kleines Geschenk von einer Firma), bhoupte /’pʰoʊptə/ (“behaupten”, berndeutsch; in anderen Dialekten behaupte) etc.

E pallti Ladig, ohne Aspiration, ist “eine geballte Ladung” – womit wir bei einer Gruppe wären, die immer unaspiriert ist: Partizipien, deren hochdeutsche Entsprechungen mit geb- beginnen: plibe (von bliibe, “bleiben), paue (von baue, “bauen”) oder proocht (von bringe, “bringen”). Ein Minimalpaar, das beweist, dass die Aspiration ein phonologischer Unterschied ist, wäre e pallti Ladig (“eine geballte Ladung”) mit /p/ vs. Da bhalti! (“Das behalte ich”!) mit /pʰ/.

Auch mit /p/ und nicht mit /b/ gesprochen werden Puur (“Bauer”) und Pier (“Bier”) oder Plöffer (“Bluffer”). Und ein /p/ entsteht auch, wenn ein wortinitiales /b/ mit vorhergehenden Plosiven “verschmolzen wird”, z.B. d’Bank /paŋk/ (“die Bank”) oder schnell ausgesprochenes Handball /’hampal/. Solche Sandhi-Phänomene sind typisch fürs Schweizerdeutsche – die Verkürzung von behalten zu bhalte, wo /b/ und /h/ zu /pʰ/ werden, ist ein ähnlicher Vorgang. In den Grafiken sind nur die wortinternen Sandhi mit Verbindungsstrichen vermerkt, die wortübergreifenden wären noch ein viel grösseres Kapitel… So wird z.B. d’Frau bzw. d Frau (“die Frau”) mit /pf/ gesprochen, /pfrau/.

Dann bliebe noch /b/, der stimmhafte bilabiale Plosiv (im Hochdeutschen mit Allophon [p] am Wortende). Im Schweizerdeutschen wird /b/ nicht durch Stimmhaftigkeit, sondern durch Länge bzw. Gespanntheit (Lenis) von /p/ (Fortis) unterschieden. Unser /b/ ist also ein weniger intensives /p/. Phonetisch geschrieben wird es meist mit einem Kringel für Stimmlosigkeit, /b̥/.

Zur Verschriftlichung (unterste, schwach gelbe Reihe in der Grafik): /p/, /pf/ und /b/ sind kein Problem, etwas schwieriger verhält es sich mit der Verschriftlichung von /p/ und /pʰ/. Da es kein standardisiertes Schweizerdeutsch gibt und damit keine offizielle Schreibung, greifen wir meist auf das Hochdeutsche zurück: <p> steht für /p/ und /pʰ/, weil Wörter wie Park /pʰark/ und Pass /pas/ hochdeutsch beide mit <p> geschrieben werden. <b> kann in Wörtern wie broocht /prɔːxt/ statt <p> verwendet werden, weil es eine Form von bringe ist und etymologisches gbroocht blöd aussähe. Ein chd. /pʰ/, das hd. beh- entspricht, wird meist <bh> geschrieben.

Langsam schreibe ich mich in Stimmung… ;)

alveolare Reihe

Weiter geht es mit der Reihe der an den Alveolen produzierten Konsonanten. Das Bild ist im Grossen und Ganzen dasselbe wie bei den Labialen: Frikativ /s/ und Affrikate /ts/ sind deckungsgleich, das stimmhafte /d/ ist im Schweizerdeutschen nicht stimmhaft, sondern eine Lenis /d̥/. Die Affrikate /ts/ wird, analog dem Deutschen, als <z> (Zange), <tz> (Latz) oder <ts> (stets) verschriftlicht. Es lässt sich keinen Hang zu einer eigenständigen Schreibung erkennen, die näher am Gesprochenen ist. Für die bessere Lesbarkeit greifen wir, wenn wir Schweizerdeutsch schreiben, auf vertraute orthografische Konventionen des Hochdeutschen zurück. Nur als Sprachspiel liest oder schreibt man eventuell Dinge wie Tsüri (“Zürich”), das dann als augenzwinkernde Verfremdung erscheint.

Es gibt ein Paar Wörter, wo hochdeutsches /d/ schweizerdeutschem /t/ entspricht, z.B. danke /tanke/ und dumm /tumm/. Darum das <d> als Schreibung für /t/ auf der Ebene der Verschriftlichung.

Deutsches /t/ entspricht wiederum einer behauchten Variante /tʰ/ und einer nicht behauchten /t/. Hier scheint mir die Verteilung jedoch, anders als bei /p/ und /pʰ/, sehr ungleichmässig verteilt: /tʰ/ kommt nur in wenigen Wörtern “zwingend” vor wie Team oder Tee, sogar bei vielen Fremdwörtern ist nach meinem Gefühl beides möglich, z.B. bei Terrarium oder Texas, wobei /teksas/ einen “bünzlig-gemütlichen” Beigeschmack hat, /tʰeksas/ etwas Distanziertes… Aber ich lasse mich auf die Äste raus.

Auch hier gibt es Fälle von Zusammenzug: /d+h/ > /tʰ/, z.B. d’Hoor /tʰɔːr/ (“die Haare”); /d+d/ > /t/, z.B. d Daniela (“die Daniela”) /taniela/; /d+s/ > /ts/, z.B. d Sabi (“Die Sabine”) /tsabi/ (vgl. d Frau /pfrau/). Doch dies sind alles Fälle von wortübergreifendem Sandhi, darum keine Verbindungslinien.

velare Reihe

Und jetzt wird’s endlich richtig “schön” (im Sinne von “verworren”), denn bei der velaren Reihe kommt das “Schweizer K” zum Zuge (also /kx/). Dieses hat das Hochdeutsche gar nicht und deshalb sieht in dieser Reihe alles noch etwas anders aus, aber im Prinzip natürlich gleich… Konkret: Auch hier gibt es im Schweizerdeutschen fünf Varianten, im Hochdeutschen jedoch nur drei, so dass die Lautentsprechungen etwas anders sind als bei den vorhergehenden Artikulationsorten, was dann auch Auswirkungen auf die Verschriftlichung hat.

Von “Schweizer K” habe ich gesprochen, weil ein geschriebenes <k> schweizerdeutsch standardmässig als /kx/ ausgesprochen wird. Das scheint unser Prototyp eines k zu sein – was natürlich Probleme mit sich bringt: wie schreibt man dann, wenn man Mundart schreibt, ein /k/, wie ein /kʰ/? Und natürlich will das “postplosive Kratzen” den Kindern wegerzogen werden, wenn sie Hochdeutsch lesen. PolitikerInnen, die ihre Verbundenheit mit der Schweiz in Abgrenzung zu Deutschland und der Welt allgemein ausdrücken wollen, unterstreichen das auf der phonetischen Ebene oft durch die konsequente – kchonsequente – Aussprache von /k/ als schweizerdeutsch angehauchtes /kx/, wenn sie Hochdeutsch sprechen.

Zuerst mal das, was mehr oder weniger gleich ist. Da wäre hd. /x/ (mit Allophon [ç] vor vorderen Vokalen und den Allophonen /ʃ,k/ am Wortanfang, vgl. China), das immer chd. /x/ entspricht: suchen vs. sueche, Bach vs. Bach.

Den Wörtern, die im Hochdeutschen ein /k/ haben (Allophon /kʰ/ wortinitial), entspricht im Schweizerdeutschen – wie schon erwähnt – prototypisch die Affrikate /kx/, die es im Hochdeutschen nicht gibt: hd. komisch /k-/ vs. chd. komisch /kx-/, hd. locker /-k-/ vs. chd. locker /-kx-/, hd. Sack /-k/ vs. chd. Sack /-kx/.

Die Entsprechung zu hochdeutsch /k/ kann aber wortinitial auch /x/ sein: klein vs. chlii. Die Verteilung von wortinitialem /x/ vs. /kx/ scheint mir ausgewogen. Neuere Wörter haben eher /kx/, so komisch (im Deutschen ab dem 15. Jh. bezeugt), krass (18. Jh.) oder Computer. Wörter aus dem germanischen Urwortschatz dagegen haben /x/: Chile (Kirche), Charte (Karte) oder Chnüü (Knie).

An dieser Stelle ist ein kurzer Exkurs ins Diachrone (die historische Linguistik) angebracht. Die Zweite Germanische Lautverschiebung – DER Klassiker der germanischen Linguistik! –, die nur das Hochdeutsche im linguistischen Sinn (wozu ja auch die Schweizer Dialekte gehören) durchgemacht hat, hat die stimmlosen Plosive /p,t,k/ zu /(p)f,(t)s,(k)x/ verschoben – nur eben, dass ausser den hochalemannischen Dialekten (und und höchstalemannischen Dialekten wie Walliserdeutsch, die ich aussen vor gelassen habe) die Verschiebung von /k/ zu /(k)x/ nicht durchgeführt wurde. Das sieht man, wenn man Hochdeutsch, Schweizerdeutsch und Englisch vergleicht: bei den Labialen und Alveolaren geht Hochdeutsch mit dem Schweizerdeutschen, hd./chd. Pfeffer vs. engl. pepper, hd./chd. Wasser vs. engl. water, aber chd. Chind vs. hd. Kind und engl. kid.

Weiter zu schweizerdeutschem /k/. In einigen Fällen entspricht hochdeutsches /k/ schweizerdeutschem /k/: Hoogge vs. Haken, Lagg vs. Lack, Lugge vs. Lücke, güggsle vs. kucken, Egge vs. Ecke. Dies scheint nur im Inlaut und Auslaut möglich zu sein. Ein /k/ am Wortanfang entspricht der hochdeutschen Vorsilbe ge-, die vorwiegend für zur Partizipbildung zum Einsatz kommt (vgl. Elision des unbetonten <e> in der hochdeutschen Vorsilbe be- > bhalte, oben): gää /kɛː/ (“gegeben”, zum Infinitiv gää /gɛː/), gmacht /kmaxt/ (“gemacht”, zum Infinitiv mache /maxə/) etc.

Das schweizerdeutsche /kʰ/ ist keine Version des hochdeutschen /k/ (wie dies analog zu /tʰ/ und /pʰ/ denkbar wäre), da hd. /k/ seine Entsprechung ja in den chd. /x/-Lauten findet. Schweizerdeutsches /kʰ/ entspricht hochdeutschem geh-: gha /kʰa/ (“gehabt”), Ghalt, ghallt /kʰalt/ (“Gehalt”/”gehallt”, ausgesprochen wie hochdeutsch kalt /kʰalt/, das auf Schweizerdeutsch chalt heisst) etc. Dieses Sandhi ist analog zu bhalte (s.o.), doch anders als bei /pʰ/, das hochdeutsch beh- oder /p/ entspringen kann, entspricht /kʰ/ immer geh-, nie hochdeutschem /k/.

Das schweizerdeutsche /g̥/ entspricht wieder bis auf die stimmlose Realisierung dem deutschen /g/.

Damit kämen wir noch zur Verschriftlichung. Grundsätzlich lesen wir SchweizerInnen ja <k> als /kx/, deshalb brauchen wir eine andere Verschriftlichung für /k/ (für /x/ haben wir die deutsche Schreibweise <ch> übernommen). Bei den Partizipien wird oft einfaches <g> verwendet: gää /kɛː/ (gleich geschrieben wie der Infinitiv /gɛː/! – weil ggää seltsam aussieht), grennt /krɛnt/ (“gerannt”) – dass bei Dialekten im Berner Raum die Realisierung “weicher” ist, d.h. eher gegen /g/ tendiert, also /grɛnt/, mag dies begünstigen. Man sieht aber auch die Schreibweise mit <gg> bei Partizipien ggange/gange, und bei nicht-Partizipien (die ja /k/ nur im Inlaut oder Auslaut haben) ist sie Pflicht: Hoogge /hɔ:kə/.

Eine Besondere Herausforderung sind schweizerdeutsche Partizipien, die hd. gek- entsprechen: choche (“kochen”) wird mit Partizip-Präfix zu /kxoxt/, aber schreibt man jetzt kocht (eigentlich logisch bei /kx/) oder gchocht (um ersichtlich zu machen, dass die Form zum Paradigma choche gehört)?

Was heisst das jetzt?

Ich fasse zusammen: Das Schweizerdeutsche hat an den drei Artikulationsorten von Konsonanten jeweils fünf Artikulationsvarianten, die allesamt Phoneme sind (keine Allophone), während das Deutsche nur jeweils drei oder vier Phoneme hat. Die Artikulationsarten sind jeweils: Frikativ, Affrikate, stimmloser Plosiv unaspiriert, stimmloser Plosiv aspiriert, stimmloser Plosiv Lenis (entspricht dem hd. stimmhaften Plosiv).

In dieser Systematik fehlen einige Konsonanten wie <w> /v/, <sch> /ʃ/, <tsch> /tʃ/ und die Nasale. Diese entsprechen weitgehend (von der Systematik her) den deutschen Konsonanten, soweit ich das beurteilen kann. Man müsste auch noch die Sandhi-Phänomene weiter aufdröseln, die beim Zusammentreffen von Konsonanten auftreten, und dann könnte man noch Lenis vs. Fortis weiter behandeln (/maxe/ vs. /maxːe/, /pfane/ vs. /pfanːe/)… Doch mir ging es vor allem darum, aufzuzeigen, dass die Systematik des schweizerdeutschen Konsonantensystems nicht deckungsgleich ist mit der des Hochdeutschen.

Wer diese Systematik und die hochdeutsch-schweizerdeutschen Entsprechungen verstanden hat, besitzt das Rüstzeug, um das Konsonantensystem des Schweizerdeutsch systematisch zu verstehen und Verschriftlichung oder abweichende Entsprechungen zum Hochdeutsch zu vergleichen. Letztere habe ich bisher verschwiegen; anscheinend sind wir uns in einigen Fällen nämlich selbst nicht einig, was in welche Kategorie gehört:

Es gibt also ein System von verschiedenen Schubladen, doch die einzelnen Wörter reihen wir zum Teil verschieden ein. Im St. Galler Dialekt besteht eine Tendenz, Wörter eher in Kategorie des unaspirierten /p,t,k/ zu tun, in Bern eine Tendenz, die Sandhi-Konsonanten weicher auszusprechen .

Wo begegnet mir das im Alltag?

Das erste Beispiel sind natürlich dialektale Unterschiede, wie die gleich zuvor genannten.

Ein Fall, wo uns die Verschriftlichung von /k/ als <gg> in die Quere kommt, ist das Wort blogge (“bloggen”): Das <gg> verleitet (zumindest mich) dazu, es als /’blokə/ auszusprechen (wie Bagger /baker/), doch im Englischen und Deutschen dient das in der Orthografie geminierte <gg> nur dazu anzuzeigen, dass das /o/ kurz ist.

Schon kurz angetönt habe ich, warum ein /kx/ (ein “kratziges k”) als bewusste sprachliche Abgrenzung gegen Deutschland eingesetzt werden kann (wenn man Hochdeutsch spricht): es hat, soziolinguistisch gesehen, die Bedeutung “ich bin ein Schweizer”. Ähnlich könnte man auch eine absichtliche Nicht-Aspiration einsetzen. Ich habe mich allerdings noch nie darauf geachtet, ob das gemacht wird.

Klar sollte auch sein, warum wir /ɛks’kysi/ (“Entschuldigung”, von frz. excusez) nicht mit <k>, äxküsi, schreiben, obwohl wir ein /k/ sprechen (es würde /ɛks’kxysi/ ausgesprochen).

Ein schönes PDF mit allen Lautentsprechungen steht zum Download bereit (allerdings ohne Verschriftlichungs-Ebene, die hat nicht mehr draufgepasst).

Nachdem Peter Rothenbühler bereits in der NZZaS sein Unwissen zum Besten geben durfte, wurde nun im Zischtigsclub von SF1 in seiner Anwesenheit über Sprachen in der Schweiz und Schweizer Sprachpolitik diskutiert. Dies unter dem schaurigen Titel “Bonjour, Grüezi, Hello! – Verstehen Sie Schweizerisch?”.

Der Genfer Nationalrat Antonio Hodgers hatte die Debatte vor einigen Wochen eröffnet. Er war nach Bern gezogen um Deutsch zu lernen und merkte, dass die offizielle Landessprache im Alltag nur marginal vorkommt und alle Dialekt sprechen. Ich verstehe seine Ernüchterung, doch ich möchte zu bedenken geben, dass die Deutschschweizer nach etlichen Jahren (in meinem Falle sechs) Französischunterricht die Westschweizer auch nicht ohne zusätzlichen Effort verstehen. Es ist normal, dass man “unter sich” die eigene Sprache ohne Rücksicht auf Nicht-Muttersprachler spricht.

In der Schweiz, wo Dialekte in sehr vielen Domänen (z.B. am Arbeitsplatz, im Rundfunk, z.T. auch bei offiziellen Anlässen) gebraucht werden, ist das in der Tat nicht einfach für jemanden, der von aussen kommt. Wenn man jedoch das aufgeladene Verhältnis von Schweizerdeutsch und Standardsprache angreift, wird sich nicht viel bewegen; bittet man eine Deutschschweizerin, Hochdeutsch zu sprechen, wird sie das aber gerne tun. Oder wie Pedro Lenz ausführt: Schon in Schottland stand er mit seinem Englisch am Berg. So realistisch muss man wohl sein, zu erkennen, dass es zusätzliche Hürden, unter anderem in Form von Varietäten, gibt. Man kann froh sein, wenn es nicht zusätzlich noch Unterschiede bei Verhaltensweisen gibt, die einem das Einleben erschweren.

Die Sprachen, die wir in der Schule lernen, sind also nicht “fixfertig für den Gebrauch”. Allerdings ist der Status des Schweizerdeutschen in der Tat eher hoch für einen Dialekt, und deshalb wäre es vielleicht gar nicht schlecht, etwas Schweizerdeutsch zu lernen in der Westschweiz.

Kommen wir zum schwierigeren Fall: Peter Rothenbühler, seines Zeichens Medienfuzzi und Schaumschläger-Journi. Jedes Mal, wenn er seinen Mund auftut, kommt irgendeine ach so provokante These heraus, für die er ein paar Fakten zurechtbiegt und ein paar Differenzierungen sausen lässt. Diese Vorstellung gibt er mit einem Gestus, als hätte er alles durchschaut, weil er zweisprachig aufgewachsen ist, während er eigentlich nicht die geringste Ahnung hat. Seine Überheblichkeit sieht man etwa daran, dass er dem Sprachwissenschaftler “recht gibt” (!), dass es ein Schweizer Hochdeutsch gebe (40:20), als ob dies verhandelbar wäre.

Er hat zwei Thesen:

Zu These 1: Früher konnten die Leute noch Hochdeutsch, wollen wir uns folgenden Auszug zu Gemüte führen (10:00-10:55):

Rothenbühler: Das grosse Problem, das ich sehe, ist, dass die Deutschschweizer ihre erste Landessprache nicht beherrschen. Sie können nicht mehr Hochdeutsch! Es kann kein Deutschschweizer ein anständiges Hochdeutsch sprechen, selbst gebildete Leute. Und dann, [Widerspruch von Werlen aus dem Hintergrund] dann ziehen sie sich auf den Dialekt zurück und die Dialekte sind auch ein Mischmasch und Sie haben gesagt –
Werlen: Nein, die sind überhaupt kein Mischmasch, da muss ich als Linguist jetzt wirklich mal intervenieren. Ich meine, das Hochdeutsche, wie es in der Schweiz gesprochen wird, ist eine Form des Hochdeutschen, die nicht die gleiche Form ist wie zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland. [...] Und deswegen, diese normative Vorstellung, “wir müssen alle Hochdeutsch sprechen wie der alte Bundeskanzler Schmidt es getan hätte”, das ist falsch.

Ab 18:30 führt Linguist Werlen aus, dass “das Mass an Fremdsprachigkeit in der Deutschschweiz heute so gross ist wie nie zuvor”. Da kann ich einfach nicht recht glauben, dass unser Hochdeutsch so viel schlechter als das vor hundert Jahren sein soll.

Ein weiteres Lamento aus Rothenbühlers Mottenkiste ist, dass sich das Schweizer Hochdeutsch zu sehr ans Deutsche angleicht – die alte Leier von der Sprache, die sich möglichst nicht verändern solle, der böse Einfluss von Deutschland, der böse Einfluss von Amerika, als ob die Globalisierung nichts verändern würde – aber das müssen wir jetzt nicht schon wieder durchkauen, oder? Es gibt übrigens viele Beispiele von Sprachen, die ihren heutigen Status nur haben, weil sie sich bei anderen Sprachen bedient haben – zum Beispiel das moderne Englisch, dessen Wortschatz sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus dem Französischen und Lateinischen speist.

These 2: Schweizerdeutsch ist keine “richtige Sprache”, sondern ein Dialektwirrwarr

Dazu gibt Herr Rothenbühler zu Protokoll (30:00-30:55):

Ich bin auch der Meinung, dass die Dialekte nicht schwierig sind. [...] Die Dialekte, wie sie heute gesprochen werden, sind eher einfach und ein bisschen primitiv wenn man’s vergleicht mit einer richtigen literarischen Sprache wie es das Hochdeutsche darstellt.
Und ich weiss, dass die Westschweizer jungen Leute Schweizerdeutsch nicht nicht lernen wollen, weil sie finden, es ist zu schwierig, sondern weil sie sagen: “Hochdeutsch ist eine richtige Sprache mit Literatur, mit einer Syntax, mit einer Orthografie und das entspricht den anderen Literatursprachen wie Italienisch, Französisch und so, die kodifiziert sind. Und dieses Mischmasch von Dialekten, was soll ich lernen? Zürichdeutsch? Berndeutsch? Das will ich nicht in einer Schule lernen, ich will zuerst gut Hochdeutsch lernen.”

Mit dem letzten Teil hat Herr Rothenbühler natürlich recht; man lernt standardisierte Sprachen. Das ist doch toll, ein Schlüssel zu 100 Millionen Leuten! Man darf sich einfach nicht vorstellen, dass man damit in die Deutschschweiz (oder ins tiefste Bayern) eintauchen kann wie in ein zweites Zuhause. Im Französischunterricht redet man über Frankreich, nicht über die Westschweiz. Das muss man sich schon selbst erarbeiten, was auch kein Problem ist, wenn man das will.

Dann die Aussage, die Dialekte seien “primitiv”, keine “richtige Sprache” (vgl. 16:30, “Die Hochsprache, die korrekte Sprache”, “gutes [also nicht "schlechtes"] Englisch”) – Schweizerdeutsch ist nicht standardisiert, hat folglich keine Orthografie und ist keine Literatursprache, das ist richtig. Doch die Schweizer Dialekte haben genauso eine Syntax wie jede Sprache. Und einen Bestandteil einer Kultur als primitiv zu bezeichnen, ist doch vo Hindervorgeschter.

Schlaue Sprachpolitik stärkt die Mehrsprachigkeit. Aus Herr Rothenbühlers Warte lässt sich nur aufgepfropfte Sprachpolitik betreiben, welche die Realitäten missachtet und nicht akzeptiert werden wird.

Zusammenfassung der Anklage

Herr Rothenbühler hat das Basiswissen nicht, um über Sprachvarietäten zu diskutieren. Er hat keine Kompetenz, aber Bekanntheit und rhetorische Erfahrung, mit der er sich Raum verschafft für seine Forderungen zur Sprachpolitik oder gar -pflege (“man muss doch”). Er kennt die Materie nicht, aber weiss, wie der Hasen läuft, wo man seine Ansichten deponieren muss.

Mir ist dieses Geleier eines Möchtegern-Experten, das jeglicher analytischen Basis entbehrt, zuwieder. In einer Sparte, wo ich eine gewisse Ahnung habe, kann ich Geschwätz als solches einordnen. Was mir Angst macht ist, dass ich es in vielen anderen Themenbereichen nicht einordnen kann und überall ein Rothenbühler dabeisitzt.


Vorwörtchen: Dies ist keine “Dialekt vs. Hochsprache”-Debatte. Ich störe mich daran, wie Herr Rothenbühler Dialekte als niedere Sprachen darstellt. Wenn nichts besser als das andere ist, heisst das aber auch, dass Dialekte nicht besser als Standarddeutsch sind.

Peter Rothenbühler ist Kolumnist. Weil er in Biel zweisprachig aufgewachsen ist, fühlt er sich offensichtlich als Sprachexperte. In der NZZaS vom 18.4.10 diagnostiziert er den Deutschschweizern, sie würden “langsam zum Volk ohne Sprache”, da sie Dialekte sprächen, die “sprachlich verwildert sind”. Die Dialekte seien “ein fehlerhaftes Mischmasch” (interessant, dass sich trotzdem alle verstehen, obwohl sie “fehlerhaft” sprechen).

Das sagt schon mal einiges über die Wahrnehmung von Sprachen von Herrn Rothenbühler: Es gibt gute Sprachen und schlechte, richtige und falsche. So weit so falsch.

Als Beleg dafür werden Soziolekte angeführt wie “Zürialbanisch” (so seine Bezeichnung), das – oh nein, wie schlimm! – mit der Intonation spielt, oder die SMS-Sprache. Das ist wie wenn man in ein Londoner Pub gehen würde, wo garantiert nur Alteingesessene verkehren, und sich dann beklagt, dass man an diesem Ort Cockney und nicht Received Pronunciation spricht. Man kommuniziert nun mal je nach Situation verschieden, der Begriff dafür heisst “Varietäten”.

Dann der Vergleich mit Deutschland und Frankreich: dort würden Dialekte “als Privatsache betrachtet, als Intim- oder Babysprache für den familiären Bereich”. Es stimmt, dass Dialekte in verschiedenen Sprachräumen unterschiedlich viel Prestige gegenüber der Standardsprache geniessen, und es trifft auch zu, dass die französische und deutsche Standardsprache viel mehr Prestige als die französischen und deutschen Dialekte hat.

Doch natürlich will Herr Rothenbühler damit Wasser auf seine Mühlen lenken: Das Schweizer Fernsehen trage zum “sprachlichen Reduitdenken” bei, fährt er fort, indem es viele Sendungen, auch Informationssendungen, auf Schweizerdeutsch ausstrahle. Damit spricht er implizit an, worum es geht: um Identität. Aber statt zu erörtern, warum Mundart in der Deutschschweiz ein hohes Prestige geniesst, versucht Herr Rothenbühler, dem Dialekt seinen Status abzusprechen.

Aufgefüllt wird der Cocktail mit einem Schuss der ewigen Leier, dass niemand in der Schweiz richtiges Standarddeutsch könne, notabene folgend auf die Feststellung, dass das Hochdeutsch, welches in der Schule gelernt werde, nie mehr angewendet werde. Macht’s da nicht Klick? Viele brauchen in ihrem Leben einfach kein Hochdeutsch. So wie die Dänen in ihrem eigenen Land nicht englisch sprechen müssen. Nur eine Minderheit muss regelmässig international kommunizieren. Vielleicht sollte man das in die Beurteilung des Soll-Status vom Hochdeutschen mit einfliessen lassen. Dass Standarddeutsch die allgemeine Verständigung vereinfacht, ist jedoch nicht abzustreiten. Und hier breche ich ab, denn gleich wird’s komplex.


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