Dieses Blog wird nicht mehr aktualisiert. Ich blogge nun unter vokalspalter.ch über Sprache.

Zur Zeit beschäftige ich mich mit Schweizer Dialekten und im Zuge dessen am Rande auch mit meinem eigenen Dialekt. Ausgehend davon ein paar Beobachtungen.

Ich bin im Kanton Schaffhausen aufgewachsen und meine Eltern auch. Natürlich bin ich nicht das Mass der Dinge in Sachen Mundart von Schaffhausen, doch der Vergleich älterer Beschreibungen mit der Sprache, die ich spreche, bringt schon, ohne weit in die Tiefe zu gehen, einige Erkenntnisse. Der Kanton Schaffhausen ist ein Zipfel im Nordosten der Schweiz und grenzt an Deutschland. Das Schaffhauserdeutsch gehört zum Hochalemannischen.

Heinrich Stickelberger hat 1881, also vor 130 Jahren, eine Diss zur Mundart der Stadt (!) Schaffhausen veröffentlicht. Auf S. 3-4 listet er Merkmale der Stadtschaffhauser Mundart auf (erste 9 Punkte; letzte drei nicht auf der Liste):

  1. ên, ôn > ii, uu: nii, knuu, schtuu, guu, luu ‘nehmen, genommen, stehen, gehen, lassen’
  2. mittelhochdeutsches (mhd.) ei > aa: Flaasch und Baa und Faasses draa ‘Fleisch und Bein und Feisses dran’
  3. Standarddeutsch -ung entspreche -ing
  4. [æ] gebe es nicht, dies sei zu [ɛ:] geworden
  5. -n sei geschwunden
  6. o sei offen vor Nasalen, meist auch vor r: Bòmm, Chròòne, bòre, Tòòr ‘Baum, Krone, bohren, Tor’
  7. Diminuitive auf -ìlì: Fögili, Büsili ‘Vöglein, Kätzchen’
  8. Dativ des Infinitiv erhalten: z findid, z machid, z tüend, z sind ‘zu finden, zu machen, zu tun, zu sein’
  9. nünt, numme, oo ‘nichts, nicht mehr, auch’
  10. Ausserdem setzt er den gespannten Vokalen i, u, ü ungespannte Laute gegenüber. Er impliziert, dass dieser Unterschied phonemisch ist, sagt das aber nicht explizit. Er vermerkt dazu (Stickelberger 1881: 51), dass “die Wenigsten für den Unterschied von i, u, ü und [den abgetönten Varianten] ein Ohr haben” (was für mich etwas nach “ich höre es, weil ich erwarte, dass ich es höre” klingt).
  11. Die Aussprache von /r/ ist nach Stickelberger (1881: 15) normalerweise Zungenspitzen-r [r], “individuell” sei auch uvulares [ʁ] “häufig”, doch würden “ganze Gemeinden […] wegen des gutturalen r verspottet”.
  12. Stickelberger (1881: VI) zählt die Diphthonge /ou, øy, ei, o:u, ø:y/ auf (wobei er in Klammern geöffnete Varianten angibt), dazu die “unechten Diphthonge” /iə, uə, yə/.

Aus heutiger und persönlicher Sicht kann ich dazu sagen:

  1. Solche Formen kommen mir fremd vor. Das Schaffhauser Mundartwörterbuch (ShMwb) bezeichnet sie als “Relikte” (S. 24)
  2. Ich kenne wenige Leute, die /a:/ statt /ai/ sagen. Für mich hatte das immer etwas Archaisches. Es gibt diesen Spruch, D Zaane d Laatere durabschlaapfe ‘Die Zaine die Leiter hinuntertragen’, den ich als Kind eher als Spottvers auffasste. Wanner (1939: 41) verzeichnet in seinem Werk “Die Mundarten des Kantons Schaffhausen” schon ein starkes Vordringen des Diphthongs, der damals allerdings im grössten Teil des Kantons noch /ɛi/ lautete.
  3. Ziiting und Orning sage ich nur zum Scherz. Aber Schulkollegen aus Dörfern fern der Stadt sagten solche Dinge. Noch einigermassen lebendig. Aber die meisten haben sich nach meiner Einschätzung auf allgemein Schweizerdeutsches Ziitig und Ornig verlegt.
  4. Das ist weiterhin so.
  5. Auch hier keine Veränderung.
  6. Ich sage Baum, Chróóne, bòre, Tóór, wobei ich mir Tòòr noch vorstellen kann zu sagen, Bòmm und Chròòne nicht. Die klingen in meinen Ohren betont konservativ.
  7. Die Diminuitive sind bei mir abgetönt, also Büseli und Vögeli. Das -ili ist mir noch in den Ohren, aber ich glaube nicht, dass es überlebt.
  8. Ich habe schon solche Formen gehört und mich mit Kollegen darüber lustig gemacht. Ausser im Scherz würde ich sie niemals aktiv brauchen. Das ShMwb stellt fest, der Dativ des Infinitivs sei “in der älteren Mundart lebendig” (S. 41).
  9. In meinem Idiolekt heisst das nüüt, nümme, au. Oo kommt mir sehr fremd vor, numme höre ich ab und zu und nünt sage ich vielleicht auch einmal, z.B. wenn ich sehr deutlich sprechen will.
  10. Dies hat mich überrascht, da ich hier keinen Unterschied empfinde. Auch das ShMwb (S. 32f.) meint, es gebe “kaum” einen Unterschied in der Vokalqualität (wie im Standarddeutschen). Wanner (1939: 8) bezeichnet den Unterschied nicht, weil er “gering und unbestimmt” sei.
  11. Ich kenne niemanden, der das /r/ vorne spricht. Ich dachte immer, das hintere, gegen Vokal tendierende /r/ [ʁ? ɣ?] (im Auslaut meines Erachtens [-ɔ]) sei typisch für Schaffhausen (und die Ostschweiz). In der Tat scheint schon ein bis zwei Generationen später das Zungenspitzen-r auf dem Rückzug zu sein: “[Zäpfchen-r] scheint umsich [sic] zu greifen. In Ra[msen] und Scha[ffhausen] herrscht es vor, in Schl[eitheim] auch.” (Wanner 1939: 10). Das ShMwb stellt lapidar fest: “In der Schaffhauser Mundart ist das Zäpfchen-r verbreiteter als das Zungen-r.” (S. 34).
  12. Die “unechten” Diphthonge (mit Schwa als zweitem Glied) sind auf jeden Fall erhalten. Dass diese nicht monophthongiert sind, ist meines Wissens eines der verbindenden Merkmale des Schweizerdeutschen gegenüber der hochdeutschen Standardsprache. In meinem Idiolekt hingegen ist /ou/ zu /au/ geworden, /ei/ wie /a:/ (siehe oben) zu /ai/, /øy/ zu /ɔi/ – dies alles scheint eine Anpassung ans Hochdeutsche zu sein. Die lange Diphthonge haben sich allerdings als /a:u, ɔ:i/ erhalten (/lau/ vs. /bla:u/). Auch /ai/ hat einen entsprechenden Langdiphthong /a:i/, wie in ma:ijə ‘mähen’ den Stickelberger allerdings anders analysiert (mit “reduziertem i”) – bei Wanner (1939) entspricht er /ɛ:i/: mɛ:ijə (S. 35).

Fazit: 8½ (7 ganz, 3 teilweise) von 12 Merkmalen, die vor 130 Jahren typisch für den Dialekt der Stadt Schaffhausen waren, kommen mir fremd oder archaisch vor. Weiterhin “aktuell” (immer verglichen mit meinem Idiolekt) sind systematische Lautwandel und einzelne Formen. Davon ausgehend drei Gedankengänge.

Verflachung des Dialekts

Der Gedanke liegt beim Betrachten der obigen Liste nahe. Ecken und Kanten des Dialekts werden abgeschliffen, es findet eine Anpassung an die Umgebung statt, hervorstechende Merkmale werden zugunsten weiter verbreiteter Formen aufgegeben. Ich kann nur noch einmal feststellen, womit dies zu tun hat: Früher gab es viel weniger Einflüsse von aussen (Stichworte Migration und Massenmedien). Es sind die Lebensumstände, welche die Sprache formen. Sprachwandel halt.

Mir scheint, dass sich der Schaffhauser Dialekt neben der hochdeutschen Standardsprache vor allem den anderen Ostschweizer Dialekten orientiert hat. Dies mit dem Vorbehalt, dass dies meine persönliche Einschätzung ist, da ich nicht weiss, welche Merkmale seit jeher “ostschweizerisch” sind. Ich vermute, es gibt eine Verbandelung der Dialekte von Schaffhausen, Thurgau und St. Gallen (was z.B. die Ostschweizerische Vokalspaltung nahelegt, die grob die Dialekte dieser Kantone gemeinsam haben). Das hiesse, man hat sich v.a. ähnlichen Dialekten angepasst, grenzt sich hingegen jedoch weiterhin bewusst von anderen ab (Zürichdeutsch, Schwäbisch).

Die Tendenz zur Verflachung ist, denke ich, nicht umstritten. Aber es wäre ein falsches Bild, würde man behaupten, dass die Schweizer Mundarten bald zu einem einzigen grossen Brei verschwimmen werden. Denn in Abgrenzung zu anderen beharren wir auf Unterschieden wie dem schaffhauserischen nid (‘nicht’) oder auf unserm a, das nach der Überzeugung der SchaffhauserInnen nicht so hell ist wie das in St. Gallen und nicht so dunkel wie das in Zürich.

Das Schaffhauser Mundartwörterbuch stellt ebenfalls eine “Tendenz zur Uniformierung” fest und meint einen Absatz weiter unten: “Dialektgrenzen erhalten sich dennoch erstaunlich zäh, zwar sinkt die Kenntnis von Details, nicht aber das Bewusstsein für Mundartgrenzen. Die feinen Unterschiede zwischen den Dialekten erhalten sich selbst dann noch, wenn vermeintlich niemand mehr «richtigen» Dialekt spricht.” (S. 26)

Geschwindigkeit des Sprachwandels

Einhergehend mit der “Tendenz zur Uniformierung” wird eine “Beschleunigung des Sprachwandels” ab Mitte des 20. Jahrhunderts attestiert (ShMwb S. 26). Hier kann ich ebenfalls nicken und einhaken: Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Merkmale eines (nicht in der Ausrottung begriffenen) Dialektes sich in wenigen Generationen ändern – in diesem Falle: sich überregionaler Formen annähern oder angleichen.

Verwundert bin ich weiterhin über den Zusammenfall der offenen und geschlossenen i, u, ü. Wenn diese wirklich phonemisch gewesen sind, hat das Vokalsystem sich innerhalb von etwas mehr als einem halben Jahrhundert nicht unwesentlich vereinfacht, was ich durchaus bemerkenswert finde.

Variation

Wieder einmal mit der Nase gestossen wurde ich auf die Erkenntnis, dass Sprache nicht so fixiert ist, wie wir meinen – es gibt oftmals eine gewisse Variation, gerade im lexikalischen Bereich, aber auch bei der Formenbildung oder dem Lautsystem. Mehrere Wörter oder Formen konkurrieren sich, vielleicht setzt sich eines durch oder sie bestehen längere Zeit nebeneinander. In einem nicht durch Schriftkonventionen standardisierten Dialekt ist dies noch stärker der Fall als etwa im Standarddeutschen.

Dies stellt auch Wanner (1939) fest: “Die Einheit im Ganzen duldet Mannigfaltigkeit im Einzelnen.” (S. 2)

So gibt es numme und nümm(e), Bòmm und Baum, Ziitig und Ziiting, Laatere und Laitere oder Gaaferi, Gäiferi, Gäuferi und Gòòferi (‘Geiferer’, ShMwb S. 158). Konjunktiv-Formen sind besonders ergiebig; So heisst ich niem, neem, nääm, näämti (ShMwb S. 43) alles ‘ich nähme’. Auch sonst ist bei Verbformen eine flexible Handhabung festzustellen: Ich will kann wiedergegeben werden als ich wett, ich wött, ich wott und gerade noch zulässig ist standarddeutsches ich will. Wanner (1939) gibt gleich sechs (örtlich klar verteilte) Varianten für Bremse (die Insekte): Bräme, Breeme, Breme, Brääme, Brööme, [brœ:mə] (S. 4).

Diese Variation, der man schon im Kleinen Gebiet eines Kantons begegnet, ist im grossen Massstab das alltägliche Brot in der Schweiz: Eine sagt so, der andere so, und meistens versteht man sich.

Literatur:


Es gibt ziemlich viele Möglichkeiten, Situationen und Empfindungen zu beschreiben, die wir alle kennen. Das dreigliedrige Personalpronomensystem des Deutschen ist wohl gar keine schlechte Basis, auch wenn es auf den ersten Blick sehr strikt erscheint: hier bei mir (ich; wir), mir gegenüber (du; ihr), sonst irgendwo (er/sie/es; sie). Wie es ganz anders geht, zeigt zum Beispiel das Finnische, aber dazu erst am Schluss.

Da gibt es zum Beispiel noch die Indefinitpronomina. Heute las ich einen Artikel, in dem durchgehend man verwendet wird. Ein Auszug (zugegeben, das Thema ist eher banal, tut hier aber eh nichts zur Sache):

Man trinkt in Lützelflüh zwei Kaffee [….] – man hat eine volle Blase. Doch oh weh! Schon beim Einsteigen sieht man das Schild an der Tür: WC gesperrt. [….] Später stellt man der Medienstelle der SBB ein paar Fragen. [….] Man staunt [über die aufschlussreiche Antwort]. Als Nörgelkunde denkt man allerdings: […]
(Tages-Anzeiger 17.10.11)

Die Verwendung des Pronomens man hat einen besonderen Effekt zur Folge. Die Leserin oder der Leser weiss, dass die Begebenheit dem Journalisten widerfahren ist, auch wenn er nicht in der 1. Person, als ich berichtet. Warum also spricht er von sich in der 3. Person? Man ist ein Indefinitpronomen, bezeichnet also unbestimmte Personen. Dies legt nahe, dass das Geschilderte jeder und jedem zustossen könnte – es wird impliziert, dass es eine Erfahrung ist, die vielen BahnfahrerInnen bekannt ist.

Bemerkenswert ist, dass im Deutschen ähnliche Effekte mit den Pronomen der 1. und 2. Person Singular erzielt werden können:

Nimm die Finger von dem Mädchen, verlass endlich die Bar
Draussen scheint die Sonne, die Nacht ist nicht mehr da
Du hast zuviel geredet, fühlst dich etwas falsch
Das einzige was bleibt läuft dir bitter durch den Hals
Und dann schlägt dein Herz
(Olli Schulz & Der Hund Marie: Dann schlägt dein Herz)

Olli Schulz besingt seine Gefühle in einer bestimmten Situation. Er richtet dies jedoch direkt an den Hörer bzw. die Hörerin, indem er die 2. Person benutzt. Er hätte auch singen können: Ich habe zuviel geredet und so weiter. Doch es scheint, als habe er die Universalität dieses Gefühls betonen wollen: Das kennen wir doch alle, wenn es einem so geht, dass … – Dafür würde sich natürlich auch das Indefitivpronomen eignen, man fühlt sich etwas falsch, doch die ist in manchen Fällen, namentlich wenn sie nicht als Subjekt fungiert, unelegant: Und dann schlägt das Herz von einem – und darüber hinaus kann man die 2. Person auch mit dem Imperativ adressieren und hat damit eine Variationsmöglichkeit: Nimm die Finger von dem Mädchen!

Dass du in manchen Fällen man entspricht, dürfte Sprachinteressierten schon vorher bekannt gewesen sein. Noch einen Schritt weiter geht die Verwendung der 1. Person, oft als “lyrisches Ich”, wofür ich auf das Beispiel in der Wikipedia verweise, zu dem erläutert wird: “Das Lyrische Ich ist hier eine fiktive Figur […]” – Die 1. Person Singular steht also für eine nicht genau bestimmte Person, genau wie man oder du oben.

Auch wir, die 1. Person des Plurals, kann in solchem Sinne verwendet werden: Das lyrische Ich kann auch als wir auftreten, aber auch gewisse man-Sätze können durch wir-Sätze ersetzt werden: Diesem Phänomen begegnen wir … (vgl. nächsten Abschnitt), was eine den Leser oder die Hörerin miteinbeziehende Form für Diesem Phänomen begegnet man … ist.

Und dann wäre da natürlich noch das Passiv, neben man die erste Wahl bei Texten, die objektiv (also unpersönlich) sein müssen (oder erscheinen sollen): Daraus wird ersichtlich, dass …

Ebenso stehen weitere Indefinitpronomen zu Verfügung: jemand, eine, einer, alle, jeder, jede etc.

Die “kreative” Verwendung unbestimmter Formen erlaubt Umschreibungen und Ersetzung, die Abwechslung in einen Text bringen, aber auch jeweils einen eigenen Beigeschmack haben: “aggressives” du, Objektivität implizierendes Passiv, pathetisches wir, egozentrisches/persönliches ich und so weiter. Einem elaborierteren Variieren der Personalformen begegnen wir bei Kettcar. Hier wird gemischt, was das Zeug hält (Ähnliches liesse sich sicherlich auch in Gedichten finden; ich hab’s mehr mit der Musik):

Das was du aussuchst
Wir tauschen Zeit für Geld und hoffen
[…]
Ich wüsste wie es wirklich war
Egal ist gleich vorbei
Welcher Teil jetzt wirklich stimmt
Ich war ja auch dabei
Lächeln und still
Am Ende steht immer die Null
und was wir dafür halten
(Kettcar: Nullsummenspiel)

Der Text legt sich nicht auf eine Bezeichnung der Person fest, welche die besungenen Situationen durchlebt: Du suchst dir etwas aus, wir tauschen, ich wüsste. Es könnte auch heissen: Das was man aussucht / Man tauscht Zeit für Geld […] oder Du weisst wie es wirklich war […] Du warst ja auch dabei – Der Inhalt würde sich nur geringfügig ändern (worüber man sich natürlich streiten kann). Meine Interpretation ist die folgende: Dass durch die bewusste Vermischung der Personalformen ebenjene unwichtig werden, deutet darauf, dass ein Anspruch besteht, Gefühle und Gedanken, die viele kennen, zu artikulieren – es geht nicht um jemand Bestimmtes, jedeR könnte so fühlen. Die Auflösung der eigentlichen Bedeutung der Pronomina unterstreicht das.

Andere Sprachen

Im Englischen behilft man sich in Ermanglung eines man mit you: You can’t do that! oder mit they: They say that … (‘Man sagt, dass …’).

Im Französischen wird das Indefinitpronomen on (‘man’) oft für die 1. Person Plural eingesetzt: On va au ciné? (‘Gehen wir ins Kino?’) – dies ist das umgekehrte Phänomen des wir bei Kettcar, das für irgendjemand stehet.

Im Spanischen (und soweit ich weiss, auch im Italienischen) gibt es eine Reflexivkonstruktion, die etwa dem deutschen man oder Passiv entspricht: No se puede vivir sin aire. (‘Man kann nicht leben ohne Luft.’, wörtlich ‘Es kann sich nicht leben ohne Luft.’), se vende (‘zu verkaufen’), Se dice que … (‘Es wird gesagt, dass …’).

Das finnische “Passiv” ist eine weitere Variante, Handlungen ohne bestimmtes Subjekt auszudrücken. Es wird auch “4. Person” genannt, da es eine Handlung beschreibt, die von einer nicht definierten Person durchgeführt wird (“irgendjemand macht etwas”): Kirja luetaan. (‘Das Buch wird gelesen’)


Mich fasziniert, wie wenig zimperlich Sprachwandel vor sich geht: Man nimmt sich, was da ist, und baut ein System. Doch auch wenn solche Sprachsysteme tendenziell immer als geschlossen dargestellt werden, wird immerzu umorganisiert, wie ein Haus, das im Innern ständig umgebaut wird.

Wir lernen das Englische, wie es zur Zeit gesprochen wird, wir lernen eine ausgewählte Sprachstufe Latein oder welche Sprache auch immer und nehmen es als in sich geschlossenes System wahr – doch in Wahrheit wird ständig umgebaut; hier wird ein Zimmer angebaut (z.B. ein periphrastisches Perfekt), dort ein Stock herausgerissen (z.B. das Präteritum im Schweizerdeutsch, süddeutschen Mundarten und im Afrikaans), es wird saniert, neu möbliert und an den Türrahmen, Stukkaturen, Griffen herumgebastelt – nur um die Zimmer ein paar Jahrhunderte später wieder zu verlassen und einen neuen Stock mit derselben Akribie aufzubauen und einzurichten.

Das ruft nach Anschauungsmaterial. Ein schönes Beispiel finde ich oft benutzte Verben, die aus verschiedenen Paradigmata “zusammengeklaut” sind. Solche gibt es sowohl in den romanischen als auch in den germanischen Sprachen (und sicher noch in vielen weiteren).

Im Französischen und Spanischen liegt ein solcher Fall beim Verb für “gehen” vor. Die lateinischen Präsens- und Imperfekt-Paradigmata der Verben ire (gehen), vadere (gehen, schreiten) und ambulare (gehen, spazieren):

Latein

Das Französische hat sich bei ambulare und vadere bedient:

Französisch

Das Spanische hat dagegen aus ire und vadere ein neues Verbparadigma zusammengesetzt:

Spanisch

Das Paradigma des deutschen Verbs sein ist ebenfalls ein Beispiel für Suppletion (vgl. Wikipedia):

Deutsch

Weiteres Anschauungsmaterial bringt der Vergleich von Zeitformen verschiedener Sprachen. Hier werden oft ganze Kategorien von Formen (“Stockwerke”) umgestaltet: Nimmt man wieder dieselben Sprachen, sieht man z.B., dass Französisch ein periphrastisches Perfekt entwickelt hat (elle a fait, sie hat getan), welches das lateinische Perfekt (fecit) fast gänzlich abgelöst hat – es existiert noch die literarische Form elle fit, im Spanischen ist dieses “einfache Perfekt” in Gebrauch gebliben: hizo. Das Futur wurde im Spanischen wie im Französischen aus dem Infinitiv (daher das r) neu gebildet: frz. tu diras (du wirst sagen), span. dirás, dagegen lat. dices; frz. tu aimerai (du wirst lieben) vs. lat. amabis (mit Tempus-Zeichen b).

Im Deutschen findet sich ebenfalls ein periphrastisches Perfekt, welches das Gemeingermanische meines Wissens noch nicht hatte. Dann die Konjunktiv-Bildung durch Umlaut, der Wegfall des einfachen Futurs (ohne periphrastische Umschreibung)… – An Beispielen mangelt es nicht.


Wie das so ist mit Fremdsprachkursen, bleibt das am besten hängen, was am wenigsten nützt. Nach fett bra (etwa: krass gut) war das stekare (ausgesprochen etwa ['ste:karə]).

Stekare haben Poloshirts mit hochgeklapptem Kragen, sind etwas snobbig, geben viel Geld für Kleider und Frisur aus, gelen die Haare nach hinten und feiern teure Partys. Auch Daniel Westling ist etwas stekig. Wer sich jetzt noch kein Bild machen kann, kriegt eins bei der Google-Bildersuche.

Stekare leben im eher gehobenen Stockholmer Stadtteil Östermalm und fahren am Wochenende mit dem Motorboot nach Sandhamn. Dort liegen sie dann an der Sonne. Denn steka heisst eigentlich braten, oder eben auch sonnenbaden. Eine andere Etymologie, die ich gehört habe, gefällt mir fast noch besser und muss deshalb verbreitet werden: Stekare schmieren sich so viel Gel in die Haare, dass sie richtig schön fettig aussehen.


Reden und schreiben und so halt, ne. Zielgerichtet und weniger zielgerichtet. Und extrem zielgerichtet.

Wir sind es uns gewoht; alle Bäcker haben die besten Brote, und natürlich zieht einem auch der Metzger den Speck durch den Mund bei der Anpreisung seiner Fleischwaren. Die Frage ist, ob wir es uns gewohnt sind und deshalb immer kritisch, oder ob wir uns so daran gewöhnt haben, dass wir nicht mehr kritisch sind und auf wohl gewählte Worte hereinfallen.

Noch ein Stückchen perfider ist das PR-Gesülze und Politgequassel. Die richtigen Worte zu verwenden ist Thema von Kursen, und sie zu finden ist eine Industrie. Nicht, dass wir das nicht wüssten. Aber sind wir uns wirklich immer bewusst, wie Worte eingesetzt werden, um uns zu beeinflussen?

Wir haben gar nicht die Zeit, immer alle Drucksachen und Gespräche eingehend darauf zu prüfen, was eigentlich gesagt wird und wie es gesagt wird. Und wir haben nicht bei allen Themen die Expertise. Doch oft stellt das “wie” das “was” in den Schatten. Dabei ist Rhetorik keine Schwarze Magie. Es braucht nur etwas Zeit und Sorgfalt, um dem Bullshit auf die Schliche zu kommen und ihn beim Namen zu nennen.

Beispiel 1: Ein Interview über Microsoft mit einem “IT-Spezialisten” bei Newsnetz. Die Frage ist: Wie wichtig ist Microsoft? Kann die Firma bei momentanen Entwicklungen mithalten? Da geht es z.B. um Tablets:

TA: Das Tablet-Geschäft aber hat Microsoft verschlafen. Die iPad-Alternative von Microsoft kommt frühestens 2012.
Zacher: Die Tablet-PC-Entwicklung macht in der Tat rasche Fortschritte. Heute sind einige interessante Produkte auf dem Markt. Der Faktor «Coolness» ist das eine. Für viele Nutzer zählen aber Funktionalität und Leistungsumfang. Ich bin nicht so pessimistisch wie Sie: Wenn Microsoft hier sorgfältig arbeitet, kann das Unternehmen auch auf diesem Feld erfolgreich sein.

Das ist Bullshit. Der Tablet-Markt ist zur Zeit ein iPad-Markt. Das iPad hat zur Zeit einen Marktanteil von ca. 90%. Der “Experte” sagt eigentlich, das iPad sei zwar cool, aber sehr eingeschränkt. Er sagt das nicht explizit, seine Aussagen sind sehr unspezifisch. Eigentlich sagt er einfach irgendetwas. Für solche Allgemeinplätze brauche ich keine “Experten”.

Den meisten Leute reicht wohl solch schwachsinniges, überallgemein gehaltenes Stochern im Nichts, weil sie zu wenig Ahnung, Zeit oder Interesse haben. Und das wird dann in die nächste Diskussion getragen und ich sitze daneben und denke, meeeine Güte! – Das klingt jetzt, als ob ich der Übermensch wäre und alles durchschaue, aber natürlich bin ich mir auch nur bei einem kleinen Prozentsatz dessen, was ich lese, bewusst, was gerade abgeht.

Beispiel 2: “Der hartnäckige Kritiker der Atomaufsicht Ensi”. Der Typ, der sich aus Interesse durch die schrecklich technischen Sicherheitsberichte der Atomaufsichtsbehörde Ensi durchgeackert hat, sagt, er merke bei bestimmten Passagen, wie sich ein Ingenieur ungefragt für etwas rechtfertige, “irgendeinen Sachverhalt versucht zu widerlegen, wonach niemand gefragt hat”.

Beispiel 3: Politische Debatten. Oft kommt es vor, dass einE TeilnehmerIn nicht alle Fakten kennt, sich jedoch nicht scheut, irgendetwas zu behaupten. Das geht auf hundert verschiedene Arten, zum Beispiel: “Es ist doch klar, dass …”, “Wir wissen doch alle, …” oder auch über Vergleiche (“Dies ist doch wie … – und das wollen wir nicht!”), über Gefühle (Moderator: “Die Statistik sagt, dass …” – “Aber wenn ich auf der Strasse stehe, sehe ich …”) oder durch Ausweichen: Die Moderatorin fragt einen Politiker, wie er etwas denn konkret angehen wolle, er antwortet nicht darauf, sondern holt aus: Betroffen seien doch eigentlich diese und jene, man könne darüber reden, und es gehe doch eingentlich darum, dass … – Politische Debatten sind oftmals geradezu Inszenierungen von sprachlichem Hakenschlagen, eher Selbstdarstellung und Informationsweitergabe für das Publikum als Aussagen, die zur Erhellung der Lage beitragen.

Worte können Information übermitteln, aber auch die eigentliche Information verdecken und davon ablenken. Manchmal merken wir es, vielmals aber nicht. Das ist keine neue Erkenntnis, doch man sollte sie von Zeit zu Zeit ins Bewusstsein rufen. Sich fragen, was da eigentlich gesagt wird, und sich nicht vom Wie blenden lassen.


“The thing that I love most is trying to kill me.”, sprechsingt Mike Skinner alias The Streets in einem Lied auf seinem neuen Album. Das ist schöner philosophisch angehauchter Pathos – oder halt, ist es nur ein makabrer Scherz?

Man kann es so oder so verstehen: Was ich am meisten liebe, versucht mich umzubringen oder Was ich am meisten liebe, ist, versuchen mich umzubringen. Was dann etwas an “Harold & Maude” erinnert.

Die Zweideutigkeit funktioniert nur auf Englisch, weil die Verlaufsform gleich konstruiert wird wie ein Satz, bei dem zwei Teile gleichgesetzt werden: X = Y, z.B. Loving is caring – zweideutig wird es, wenn X sowohl das Subjekt zur Handlung in Y sein kann als auch etwas Abstaktes, das mit einer “ing-Form” gleichgesetzt wird, wie das bei The thing that I love most der Fall ist: Es kann handelndes Subjekt oder Abstraktum sein.


AusgangslageMan kann wohl behaupten, dass Die Umlaute ö [ø] und ü [y] typisch für germanische Sprachen sind. Gehen wir von einem Vokalsystem ohne vordere gerundete Vokale aus, gibt es zwei Arten, wie diese zusätzlichen Vokale entstehen:

Varianten

Dasselbe mit Features ausgedrückt, wiederum etwas vereinfacht:

Features

Das war jetzt eine lange Vorrede und wahrscheinlich trotzdem unverständlich. Tut mir leid.

Eigentlich geht es nur um folgende kleine Sache, die mir im Buch “Der Goalie bin ig” von Pedro Lenz (Prädikat “empfehlenswert!”) aufgefallen ist: Ähnliche Lautwandel sind wohl auch in weniger weit zurückliegender Zeit geschehen, und zwar in einem oder mehreren Dialekten des Schweizer Mittellands (ich nehme an, dass es sich um den Dialekt in Langenthal handelt, da 1. Pedro Lenz von dort kommt 2. in Bern selbst nach meinen (zugegeben sehr beschränkten) empirischen Recherchen diese Lautwandel nicht durchgeführt sind 3. ich mir einbilde zu wissen, dass man im nahe gelegenen Aargau Püuze (“Pilze”) sagt).

Der Prozess geht so: Im Zuge der berndeutschen l-Vokalisierung wird /l:/ zu /w/ (im folgenden u geschrieben), dieses /w/ schiebt dann eine Rundung (vgl. Variante 1) des vorhergehenden Vokal an:

i > y /_w (i wird zu ü vor u)

e > ø /_w (e wird zu ö vor u)

Das ist derselbe Prozess, der im Späturnordischen *sekkwan zu søkkwa und *singwan zu syngva verschob. Wenn man solche Parallelen faszinierend findet, empfehle ich ein Linguistikstudium.


Anhand des Schwedischen ist mir aufgefallen, dass das Deutsche bei Epochenbezeichnugen eher inkonsequent ist: Wir sagen das 20. Jahrundert und meinen 1900 bis 1999, die 60er-Jahre sind aber 1960 bis 1969. Einmal rückwärts, einmal vorwärts, so sind wir es uns gewohnt.

Einmal schauen wir zurück, einmal nach vorn. Vergleichbar damit, dass am zehnten Geburtstag das elfte Lebensjahr beginnt. Bei der Epochenbezeichnung wäre man aber im Gegensatz dazu nicht gezwungen, einmal so und einmal anders zu schauen:

Auf Schwedisch heisst das 20. Jahrhundert 1900-talet (“die 1900er-Jahre”), die 60er-Jahre 60-talet. Ist doch eigentlich viel logischer, oder?Aber bekannterweise ist “Logik” keine Kategorie, an der sich Sprachen messen lassen – wissenschaftlich gesehen.

Richtig kompliziert wird es auf der Schwelle zwischen Schwedisch und Deutsch: Das 14. Jahrhundert heisst eben nicht 1400-talet, sondern 1300-talet. Noch etwas, woran man beim Sprechen denken muss.


Die Komplexität der Morphologie des modernen Englischen ist auf ein Minimum heruntergefahren, verglichen mit Altenglisch oder mehr flektierenden Sprachen wie Deutsch.

So kommt es, dass ein -s über Singular oder Plural entscheidet. Ein -s am Verb markiert des Singular (3. Person), dasselbe Morphem -s am Substantiv den Plural:

the things that work
the thing that works
the thing that work
the things that works


Es ist das Parade-Negativbeispiel der Sprachpfleger und -pflegerinnen: Sinn machen stünde für den Niedergang der deutschen Sprache und gehöre ausgerottet, dafür die Vorgänger Sinn ergeben und sinnvoll sein wiederhergestellt.

Schon weil die Zunft der Sprachpfleger so versessen auf dieses Beispiel ist, reizt einen der Widerspruch. Und so reihe ich mich nun auch in die Gruppe derer ein, die Stirn geboten haben.

Ich behaupte: Sinn machen macht Sinn. Weil die Redewendung den SprecherInnen, die das Kulturgut Sprache “besitzen” und weiterentwickeln, einleuchtet. Sinn machen mag plumper daherkommen als Sinn ergeben, doch deshalb ist es nicht falsch. Auch anderswo gibt es verschieden elegante Ausdrucksmöglichkeiten: Häuser werden gebaut oder errichtet, was Spass macht, kann die Seele erfreuen und so weiter. Nicht jedes Register passt auf jede Situation.

Dass eine Redewendung falsch sein soll, weil sie vom Englischen beeinflusst ist, ist Quatsch. Was Sinn macht, ist erlaubt. Aber für den Bewerbungsbrief sollte man schon in ein anderes Register greifen.


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